Aufstehen, kurz nach 6 Uhr. Ich wanke durch den Flur, mache in der Küche das Licht an. Micha kommt mir entgegen, erschreckt und sichtlich verschlafen, müde. Wir haben Augenringe, unsere Gesichter sehen irgendwie Scheiße aus. Kaffee, Milch ist alle. Scheiße. Anziehen, kurz das Gesicht waschen und dann der Kaffee. Schwarz, heiß mit viel Zucker, weil es keine Milch mehr gibt und dann los. Ich bringe ihn zum Zug. So richtig munter bin ich nicht, funktioniere nur. Hunger Fehlanzeige. Trotsdem habe ich gefühlt zugenommen, soviel Süßkram die letzten Tage. Nervennahrung. Am Bahnsteig eine Durchsage, falsches Gleis. Ins Auto, zurück. Kaum sind wir da, kommt der Zug. Kurze Verabschiedung, ein Danke und ich hab dich lieb, die Tür schließt, der Zug rollt schon. Ich stehe da. Allein. Der Wind ist kalt. Plötzlich. Ins Auto zurück nach Hause. Noch drei Pakete packen, den restlichen lauwarmen, schwarzen Kaffee trinken und dann. Oh die Zeit, ich muss los. Mein Termin in der Psychischen Ambulanz, der für meinen Mann vorgesehen gewesen war. Schaffe ich das zeitlich eigentlich noch? Türen zuschließen, Pakete für den Postboten raus stellen. Losfahren. Es regnet und es ist kalt. Auch Zuhause. Gerade noch rechtzeitig angekommen stolpere ich die Stufen im Gebäude hoch, auch in der Angst, den Anschluss zu verpassen. Ich komme an, Flure in alle Richtungen, ein Rascheln, oder laufender Wasserhahn. Ich gehe dem Geräusch nach und finde eine Person, eine junge Frau in der Küche, die den Blumen in den Vasen wohl frisches Wasser zu geben scheint. Sie dreht sich um, sagt dass ich mich einen Moment hin setzen soll. Die Zeit bis zum Termin ist längst überschritten, ich bin nervös. Auch wütend. Setze mich, in der Hofnung, hier irgendwann oder irgendwie dran zu kommen. ich nehme mir innerlich vor, so lange zu bleiben, bis mich hier irgendwer aufruft oder beachtet. Angestellte laufen an mir vor bei, kein guten Morgen, nichts. In mir kocht es, ich bin enttäuscht. Sehe ein Schild, eher ein Aufsteller mit einem Herzlich Willkommen! drauf. Bunt geschrieben und bebildert. Was es genau ist, kann ich nicht sagen. Die Stimmung rutscht in den Keller. Eine Angestellte kommt mit 2 leeren GLaskrügen und befüllt diese am Wasserspender. Die Frau, die eben noch in er Küche die Blumen sortiert und frisches Wasser gegeben hatte, läuft mit mehreren kleinen Vasen an mir vorbei. Ein Blatt fällt auf den Boden, sie merkt es nicht. Das Büro, in welches sie geht bleibt offen. Sie sitzt an ihrem Schreibtisch und die beiden Bildschirme verdecken ihr Gesicht ihre ganze Emotion. Dann ruft sie mich auf. Ach, sagt sie Sie sind Frau Krumpen? Ich bejahe es. Bitte ihre Versichertenkarte. Ich habe sie schon in der Hand den ganzen Morgen schon. Aber wie soll ich ihr das rüberreichen? Über, oder zwischen die Bildschirme? Wut steigt in mir auf, meine Hand zittert. Ich reiche die Karte umständlich über und dann zwischen die Bildschirme durch und denke, ob sie es merkt? Ach bitte ihre Überweisung noch. Auch die bekommt sie. Am Liebsten hätte ich sie zerrissen,vor ihren Augen, sie bittet mich wieder Platz zu nehmen. Ich frage, wo ich hin soll. Ja, ja im Flur, da wo Sie eben waren. Ich gehe zurück und setze mich so, dass ich nach Möglichkeit alles im Blick habe. Das Licht im Flur vor mir geht an und aus, Bewegungsmelder. Wehnigstens ist es warm hier. Eine Frau Kommt, sieht mich an und stellt sich vor. Vielleicht eine Psychologin aus der Ukraine? Der Akzent spricht dafür. Sie bittet mich in das Behandlungszimmer und meint, ich soll Platz nehmen und erzählen, um was es geht. Ich spüre Wut, unendliche Wut auf die Klinik, auf Alles. Ich kann nicht reden, der Halz zugeschnürt, trotz der Wut, die tief in mir sitzt. Ich bemühe mich, die Schultern bewusst nach Oben zu halten. Die Kraft fehlt. Und ich sage ihr, dass ich meinen Mann verloren habe. Er ist freiwillig gegangen. Sie Atmet, ich auch. Das ist schwer, sagt sie. Ich weiß, denke ich. Das Gespräch verläuft stockend, sie spürt meine Wut, ich versuche in Bezug auf die Klinik zurückhaltend zu sein, weil ich weiß, dass jedes Wort, welches ich hier verwende auch weiter gegeben werden könnte. und ich beobachte sie. Versuche zwischen den Gesten und Blicken etwas, für mich Brauchbares zu erhaschen. Etwas Echtes. und dann kommt es. Sie erzählt, dass sie ihn kennt. Meinen Mann. Und erzählt von ihm. Ihr Gesicht ist erhellt. Plötzlich. Als hätte dort jemand das Licht angemacht. Ich fühle mich beser und einen Augenblick scheint es einen Rollentausch zu geben. Sie erzählt davon, dass er mich als sein Licht gesehen hatte. Sein Frauchen. Es fühlt sich echt an, als wäre ER im Raum. Ich spüre sein Lächeln, sein Frieden. Den Frieden und das Glück mit mir. Das Gespräch endet mit ein paar, für mich belanglosen Fragen. Ob ich mir was antun würde, Suizidgedanken hätte. Ich denke, was redet sie? Ich bitte um das Ende vom Gespräch und sie begleitet mich heraus bis zum Büro, dessen Tür immernoch offen steht. Die Frau, die hinter ihren schwarzen Monitoren sitzt, bekommt plötzlich ein Gesicht. Schaut mir in die Augen und gibt mir, mit einem freundlichen Lächeln den nächsten Termin. Ich finde erst den Ausgang nicht, bin völlig überwältigt. Dann die Treppe runter, raus, raus an die frische Luft. Sie ist kalt, das ist es, was ich gerade brauche. um mich zu spüren. Meine Seele, mein Inneres. Ich sitze im Auto und warte noch eine Weile, bis ich los fahren kann. Ach der Seitenspiegel ist nur angeklebt und zittert beim Fahren. Ich sollte das reparieren lassen. Nur nicht jetzt. Jetzt fahre ich nach Hause. Mein Magen knurrt. Ich habe seit Tagen nicht richtig gegessen.
© Susann Krumpen