Gestern wollte ich ihn besuchen.Meinen Mann. Seit einer Woche ist er in der Psychiatrie, geschlossene Abteilung. Er blieb im Bett, wir sahen uns nicht. Ich durfte nicht zu ihm. Hilflosigkeit. Auf der Fahrt nach Hause dachte ich an die Momente, die wir miteinander geteilt haben. Früher. Depression ist ein Arsch. Wie alles begann:
Noch Lippenstift und Rouge. Ich möchte gut aussehen. Auch für ihn. Die Fahrt ist lang und mein Herz schlägt vor Aufregung. Endlich angekommen, ein paar Schritte bis zur Glastür. Ich schaue mich um, er ist nirgens zu sehen. Ich drücke auf die Klingel. Es wird aufgemacht Eine freundliche Mitarbeiterin lächelt mich an und verspricht, ihm Bescheid zu geben, zu sagen, dass ich hier an der Tür auf ihn warte. Sie kommt zurück. Allein. Sagt, dass ER nicht kommt. In meinem Kopf hämmert es, mein Herz stolpert, ich ringe nach Luft. Ich bitte noch einmal, ihn zumindest sehen zu dürfen, möchte an der Zimmertür stehen und ihm wenigstes zuwinken, damit er wieder neuen Mut schöpfen kann. Fehlanzeige, keine Chance. Ich werde nicht hereingelassen, aus Rücksicht auf die Mitpatienten. Ich nicke mit dem Kopf, mein Verstand weiß, dass es so ist aber ich muss gehen. Tränen rinnen über mein Gesicht. Ich laufe bis zur Ausgangstür, die sich selbstständig öffnet und hinter mir automatisch schließt. So sehr ich versuche, mich zusammen zu nehmen, es gelingt mir nicht. Schweigend sitze ich im Auto, Tränen rinnen über mein Geschicht, verzweifelt suche ich nach einem Taschentuch, ich nehme die untere Kante von meiner Bluse, um mir die Tränen aus dem Gesicht zu wischen, egal, denke ich. Ich hole ein paar Mal tief Luft und fahre endlich los. Wie lange ich im Auto gesessen habe weiß ich nicht, es war mir egal. Eine Stunde Fahrt. Unterwegs gehen mir verschiedene Szenen durch den Kopf, Dinge, die wir zusammen getan und erlebt haben. 21 Jahre kennen wir uns. Höhen und Tiefen. Und doch bin ich irgendwie erleichtert, als ich zuhause ankomme. Ich höre seine Nachricht auf meinem Handy ab: " Frauchen, es tut mir leid, ich liebe dich!" Tränen.
Heute, wo ich das Geschehene aufschreibe, um anderen Menschen zu zeigen, dass Depressionen nicht einfach zu händeln sind und ein Besuch in einer psychiatrischen Klinik eine echte Herausforderung sein kann, geht es mir schon etwas besser. Ich habe angefangen, zuhause auszumisten, aufzuräumen und die Wohnung, ja was sage ich, das ganze Haus zu putzen.Und auch wenn es ein langer Weg sein wird, bis wir uns wiedersehen können, bis er entlassen wird, so hat mir der gemeinsame Weg etwas Mut und Kraft geben können. Heute will ich wieder hin fahren, ihn besuchen. Ich kann es kaum erwarten...
© Susann Krumpen
