Neugierig? Na dann mal los!

Dienstag, 8. September 2026

Witwenrente - Fluch oder Segen?

Ich reiße den Umschlag auf und entnehme mit zittrigen Händen den Inhalt des Umschlages. Rentenversicherung. Das Anschreiben - keine Zahlen. Erstmal weg damit, ich blättere und blättere und dann das! Ich schaue auf die Zahlen und begreife nicht. Was ist das für eine Summe? Wie kommt das zustande? Ich brauche einen ganzen Moment, um die Buchstaben und Zahlen aneinanderzufügen und um zu begreifen, dass dort viel mehr steht, als ich erwartet hatte! Meine Güte! Ich hatte mit einem kleinen Teil seines geringen Einkommens gerechnet, er bekam nicht einmal die Mindestrente. Jetzt sollte das fast genausoviel ausmachen, wie seine Rente selbst? Es musste ein Rechenfehler vorliegen, mein Kopf hämmerte. Ich konnte gar nicht glauben, dass diese Sechshundert Euro zu mir gehören sollten. Ich stürzte förmlich zu den Kopien der eingereichten Unterlagen, hatte ich  vergessen die Einkommenssteuer anzugeben? Nein, alles eingereicht. Wie sonst hätte der Bescheid endgültig zustande kommen sollen? Ich begriff nicht, was und warum es so viel sein sollte. Ich hatte mit einem Drittel von dem Betrag gerechnet und mit dem hätte ich mich damit ausgesöhnt oder abgefunden. Aber das? Natürlich weiß ich, dass, wenn ich mehr verdienen sollte, die Witwenrente auch gekürzt werden wird. Aber hey, wenn ich in den Ruhestand gehe, so werde ich darauf zählen können, vorausgesetzt ich heirate nicht. Unglaublich! Ich kann es immer noch nicht fassen. Hoffentlich wird diese Nacht nicht wieder so schlaflos, wie die Letzte. 


© Susann Krumpen

Von Sternschnuppen und geheimen Wünschen

 Ich sitze noch bei einem Glas Holunderbeersaft im Liegestuhl und denke über die Begegnung mit meinem Nachbarn nach, der sich Tomaten und eine Paprika von der anderen Nachbarin geholt hat, obwohl er und seine Frau behauptet hatten, dass sie selber genug hätten. Sie gießen dort die Tomaten, während der Abwesenheit. Ich frage mich, ob das Absicht war oder sie die Erlaubnis dazu hatten? Ach, so denke ich, wirf den Gedanken über Bord, was geht es mich an. Ab ist ab. Sollen doch alle denken, was immer sie wollen. Und ich schaue zum Himmel, die ersten Sterne leuchten schon dort. Es ist nach 21 Uhr. Da! Was war das? Eine Sternschnuppe, ein Komet? Ich schaue dem Streifen, der soeben vom Himmel flog hinterher. Langsam kommt ein Lächeln in mein Gesicht. Ja, das Lächeln ist selten. Gerade jetzt. Aber dennoch. Ich vergrabe mich nicht und frage mich, ob das Hinterherwünschen noch gilt. Schnell habe ich einen geheimen Wunsch parat. Den ich leise ausspreche, damit die Engel ihn in den Himmel mitnehmen können. Er soll sich ja auch erfüllen. Hoffentlich haben sie schnelle Flügel! 


© Susann Krumpen

Montag, 7. September 2026

Mein Haus - Dein Haus - Unser Haus

Die Nachbarin kommt mit ihrem Sohn, der offensichtlich ein paar Glaskugeln beim Spielen in meinem Garten mitgenommen hat. Sicher, nicht Absicht. Kinder dürfen verspielt sein, müssen sie sogar. Ich hatte ihnen erlaubt, ein paar blaue Trauben aus meinem Garten zu holen, nachdem sie mich gefragt hatte, ob sie welche haben können. Dieses Jahr hätten sie keine. Ich möchte nicht nachtragend sein, aber vor einem Jahr hat sie Süßkirschen irgendwoher geholt und mir im Vorbeigehen davon erzählt. Dann habe ich bemerkt, dass ich in diesem Jahr wohl keine Süßkirschen haben werde. Sie antwortete ziemlich trocken: "Na dann hast du nächstes Jahr wieder welche" Nicht wegen der paar Kirschen, die ich auch selber irgendwo pflücken könnte. Es zeigt den Charakter eines Menschen, die nur kommen, wenn sie was haben wollen. Und das ist so eine Person. Vielleicht haben sie nicht genug Schicksal erlebt. Und als sie so ungefragt auf meiner Wiese saß, während der dreijährige Sohn suchen sollte, fragte sie doch, was ich mit meinem Haus machen wolle, ob ich hier bleiben wolle. An meiner Nicht - Reaktion merkte sie doch recht schnell, dass ihre Frage nicht angebracht gewesen war. Sie entschuldigte sich mit den Worten " Ach ist mir nur so rausgerutscht" Ja von wegen! Fast jeder im Ort hat mich auch schon gefragt, ob ich hier bleibe, einige fragten sogar, ob ich mein Haus schon verkauft hätte. Ich sage es mal so, es scheint ja ein sehr begehrtes Objekt zu sein. Ein kleines Haus, ein ebenso schöner Garten mit mehreren Sitzecken, einer Terasse, die mein Mann noch selbst erbaut hat. Ich denke im Moment, wo soll ich mir mein Zelt aufschlagen, damit ihr zufriedene Antworten bekommt? Oh es steckt so viel Tiefgründigkeit in dieser Frage, die mich doch zum Lächeln bringt. Bloß kein falsches Mitleid, die Erben warten schon, denn das Testament ist noch nicht eröffnet. 


© Susann Krumpen


 

Samstag, 5. September 2026

Kostenfallen - wird es eng?

Immer wieder schaue ich nach. Online in meinem Shop, ob jemand etwas gekauft hat. Ich schaue früh nach dem Aufstehen, zwischendurch und Abends, wenn ich in das Bett gehen möchte. Mehr und mehr greift ein unsagbares Unbehagen nach meiner Seele, um mich am Ende ganz zu vereinnahmen. Ich rechne nach, stelle einige Artikel um, ändere Überschriften und versuche die ersten Schritte auf social Media. Ich werde das Gefühl nicht los, dass es doch nicht zu schaffen sei, der Monatsabschluss liegt unbearbeitet vor mir. Ich habe schlichtweg Angst. Angst vor der Zukunft im finanziellen Sinne. Die "Was ist wenn" Frage frisst mich auf. Ich nehme ein Blatt, rechne Ausgaben und Einnahmen zusammen und stelle fest, dass die Ausgaben den größeren Part ausmachen. Nicht viel, aber immerhin soviel um nach und nach in den Bankrott zu gehen. 180 Euro Differenz zu meinem Ungunsten. Ich schaue auf meine Ausgaben und überlege, ob da was zu drehen ist. Und ich stelle fest, dass die Ausgaben kaum etwas zum Leben für den täglichen Bedarf übrig lassen. Zumindest ist das Wichtigste, wie Strom und sämtliche Versicherungen bezahlt. Aber Geld, um Einkaufen zu fahren fehlt. Kunden, die bei mir eingekauft haben sind im Verzug, seit vier Wochen schon, ich mahne an. Jeder noch so kleine Betrag wird helfen, den Kopf über Wasser zu halten. Zumindest im Moment. In meinem Shop laufen die Mühlen langsam. Bei jedem Verkauf versuche ich durchzuatmen, es will mir nicht so recht gelingen. Draußen ist endloser Sturm, abwechselnd Regen, nur manchmal scheint die Sonne. In meinem Kopf hämmert es. Was soll ich tun, wenn all das Geld verbraucht ist und ich fest gefahren bin? Soweit möchte ich es erst gar nicht kommen lassen. Ich stelle alltägliche Dinge, die ich nicht mehr brauche zum privaten Verkauf ein. Ahne aber, dass es nicht viel bringen wird. Heute war mir eine Rechnung von der Kirchengemeinde in das Haus geflattert, 85 Euro für die Nutzung der Kapelle anlässlich der Trauerfeier. Die Last wiegt schwer. Ich weiß bald nicht mehr weiter. Und obwohl der Kühlschrank durch das foodcharing gut gefüllt ist, so habe ich nur einen kleinen Teil davon selbst gekauft. Ich versuche mich zu beruhigen und mache meinen Monatsabschluss zum Versand an das Steuerbüro fertig. Die neue Tapete und meine Träume scheinen zu zerplatzen, wie Seifenblasen...


© Susann Krumpen



Mittwoch, 2. September 2026

Rechnungen und neue Tapete

Das Gespräch mit meiner Tochter vor ein paar Tagen ergab, dass sie mir riet, die ausstehenden Bestattungskosten in Raten zu bezahlen. Seit dieser Zeit lässt der Gedanke mich nicht mehr los, dass es besser wäre, die Summe, wenn sie nicht zu hoch ist, auf einmal auszugleichen. Mittwoch. Heute komme ich nach Hause und jede Menge Post. Auch ein etwas geknickter Umschlag von dem Bestattungshaus. Schnörkellos, in der Mitte etwas eingeknickt. Ich mache ihn auf und gehe die Lieste von Leistungen durch, die sie erbracht haben. Die Endsumme keine Viertausend Euro. Mir fällt ein Stein vom Herzen! Immerhin. Und ich zögere nicht, das Online Banking aufzumachen und die geforderte Summe im Ganzen und Sofort zu überweisen. Denn heute früh hatte ich fest gestellt, dass meine Beine mich manchmal etwas im Stich lassen. ich habe nie Probleme mitt meinen Beinen gehabt, doch jetzt sind sie zeitweise wie Gummi, das macht mir Angst. Mein Schwager hatte mir in unserem gemeinsamen Urlaub berichtet, dass er, nachdem sein Sohn gestorben war und er alle Formalitäten beglichen hatte, plötzlich nicht mehr richtig laufen konnte. Kein Arzt hatte eine Ursache finden können, das machte mir Angst. Ich wollte nicht so enden wie er. Immerhin hatte sich das für ihn nach unzähligen Arztbesuchen und einigen Krankenhausaufenthalten gelegt. Die Symptome waren verschwunden, so plötzlich, wie sie gekommen waren. Dabei sah er sich fast schon auf dem OP Tisch. Heute ist er froh, dass alles überstanden zu haben, operiert worden ist er nicht. Die Worte klingen in mir nach und immer und immer wieder denke ich an das von ihm Gesagte. Ich möchte auf keinen Fall, das es mir genauso geht. Deshalb habe ich die Rechnung sofort bezahlt. Eine kleine Summe habe ich sogar übrig, sodass ich mir dieses Jahr auch Öl für die Heizung kaufen kann. Der Tag und meine Laune ist gerettet. Ich überlege, für etwa Tausend Euro Öl zu kaufen, damit noch etwas für einen kleinen urlaub im nächsten Jahr übrigbleiben kann. Ware zum Verkauf habe ich auch soeben bestellt. Ich werde es einfach schaffen. Zumindest bin ich über das foodcharing abgedeckt, zu Essen gibt es eigentlich genug. Auch wenn die Waren am Ablaufen sind, so habe ich in der Vergangenheit schon manches leckere Gericht davon gekocht. Das macht mir schon mal jede Menge Mut. ich hoffe, dass nun alle Rechnungen bezahlt sind, kann nur abwarten, ob oder was da noch auf mich zukommt und spiele mit dem Gedanken, das Bad renovieren zu lassen. Ich will mir schon mal eine hübsche neue Tapete für das Bad aussuchen. 


© Susann Krumpen

Dienstag, 1. September 2026

Testament und Nachlasspflege

Immer wieder versuche ich das zuständige Gericht zu erreichen. Nachlasspflege, wie man es nennt. Vergebens. Auch mit der beglaubigten Kopie vom Testament bekomme ich hier nicht, was ich brauche. Die ewige telefonische Bandansage Warteschleife, ich höre was von Urlaubszeit, Umstellung auf elektronischem Wege, was imer das heißen mag und Verständnis haben. Mein Verständnis ist restlos erschöpft. Für mich alles Ausreden. Es bewegt sich nichts. Gar nichts. Einerseits ja gut, andererseits schlecht, da der Verbleib einiger Gelder eben nicht geklärt werden kann. Ärgerlich das Ganze. Ich versuche es erneut, keine Chance, nicht die Minimalste. Also versuche ich den umgekehrten Weg, rufe die Bank an und spreche dort, ob die Kopie von dem Testament ausreichen würde. Dort schildere ich den Fall und man sagt mir, dass eine Kopie des notariell beglaubigten Testaments völlig ausreichen wird. Nun, während ich alles kopiere, gehen mir verschiedene Gedanken und Szenarien durch den Kopf. Was macht eigentlich eine Witwe, oder ein Witwer, der diese Möglichkeit nicht hat, warten muss, bis ihm oder ihr jemand hilft und hin nehmen muss, dass es entweder lange dauert, oder womöglich gar nicht klappt? Ich finde es unverantwortlich, dass, wie in meinem Fall, die Fürsorge um das weitere Geschehen mit der Rechnung vom Bestattungsinstitut endet. Selbst der Versichenälteste bringt zwar den Antrag auf den Weg, aber woher weiß man eigentlich, ob da nochwas fehlt oder wie lange es dauert? Fragen über Fragen...


© Susann Krumpen

Montag, 31. August 2026

Arztbesuch - 6 Wochen später

 Wie soll ich anfangen. Seitdem mein Mann sich das Leben genommen hat, versuche ich einen Termin bei meinem Hausarzt zu bekommen, alles scheint vergebens. Keine Termine, Urlaubszeit und dann fehlendes Personal. Im Notfall soll man die 112 wählen, laut Bandansage. Dann doch endlich! Ich bekomme einen Termin, das heißt eigentlich nicht direkt. Am Telefon schildere ich den Fall noch einmal eindeutig und weise darauf hin, dass mein Mann sich das Leben genommen hat. Die Angestellte am Telefon entschuldigt sich, meinte, dass sie das schon aus den vorherigen Telefonaten mit mir wisse und sie auch nicht weiß, was sie dazu sagen soll. Sie bietet mir immerhin an, in die Notfallsprechstunde zu kommen, was ich dankbar annehme. Angekommen, stehen und sitzen Menschen schon draußen vor der Tür im Freien, das Wartezimmer rappelvoll und das eine Stunde vor Schließung der Sprechstunde. Als ehemalige Arzthelferin, wie man das früher nannte, hatte ich nur ein inneres Kopfschütteln für diese bizarre Situation übrig. Heute ist Montag. Ich finde einen Platz, weil gerade jemand aufgerufen wird. Leute sitzen, schauen auf ihre Handys, das Fenster ist angekippt. Ich grüße und setze mich dazu. Die Resonanz vernichtend. Mich stört es heute nicht, ich bin froh, mich einreihen zu können. und ich frage mich, wie der Vormittag für die Angestellten wohl laufen mag, ob sie auch noch eine Mittagspause bekommen. Nach fast einer Stunde werde ich aufgerufen, der Arzt sitzt schon im Zimmer und begrüßt mich. Ich grüße zurück und er bietet mir einen Platz an. Sehr nett, denke ich. Er schaut nicht auf, die Erschöpfung ist ihm anzumerken, er ist um Freundlichkeit bemüht. Ich berichte, dass mein Mann sich das Leben genommen hat. Jetzt erst realisiert er, dass ich offensichtlich Hilfe benötige. Er fragt nach dem Sterbedatum. Ich antworte, dass es vor ungefähr 6 Wochen passiert sei. Darauf die Frage, warum ich nicht eher in die Sprechstunde gekommen bin, ich antworte, dass es keinen Termin gab. Sein Blick ist nun ein völlig anderer, ich spüre eine Wendung des Gespräches. Sein Blick öffnet sich. Wir reden über Verschiedenes, ich werde abgefragt, wie mein Schlaf ist und der Appetit. Abgenommen habe ich nicht, so denke ich noch. Der Süßkram die letzten Tage...Das Gespräch lief für beide Seiten freundlich und ich gehe zufrieden aus der Sprechstunde mit einer Überweisung zum Psychologen, einen Krankenschein, einem Termin zum Blutabnehmen, um überprüfen zu können, ob mein Vitamin B12 Spiegel in den Keller gerutscht ist und einem weiteren Termin zur Beantragung einer Reha Kur im nächsten Jahr. Faszit: Man braucht eine Menge Energie, wenn der Akku leer und die Nerven dünn sind.


© Susann Krumpen