Wir fahren früh los, kurz nach sieben. Die Urne, die sich noch m Karton befindet, wird angeschnallt, dazu kommen die Stiefel, das Bild von meiner Schwester, ein Halstuch, der Hut und der ewig stinkende Schal. Ein Schal, den er täglich getragen hatte, der derart nach Zigarettenqualm stank, dass man es beihnahe nicht mehr ausgehalten hatte. Die letzte Fahrt auch für ihn. Dazu kommen, ein Kisten Getränke, die Pappbecher, Servietten, eine große Schüssel Kekse und die gebackenen Windmühlen aus Blätterteig von einer Bekannten, die sie mir noch gestern Abend gebracht hat. Sie haben uns gestern schon geschmeckt. Gefüllt mit Erdbeermarmelade. In einer Weihnachtsschachtel. Ich fand es irgendwie süß! Losgefahren, die bekannte Strecke. Auch unterwegs hatte mein Sohn sein Handy und meinte, er müsse mir sagen, wo ich hier lang muss. Ach, dachte ich, was meinst du, wie oft ich die Strecke in den 21 Jahren gefahren bin? Ich kene sie quasi mit verbundenen Augen. Und dann ist der Ort, zu dem wir kommen auch ein Stück Heimat, ich kenne es, wie man so sagt, wie meine eigene Westentasche. Angekommen, war meine Schwester schon da. Ich weiß nicht, wie lange sie hier vor Ort gewartet hatte. Ich stieg aus, obgleich ich mir damit Zeit ließ, es war noch eine dreiviertel Stunde Wartezeit und es war empfindlich kalt an diesem Morgen. Nieselregen. Schirme waren am Ende genug da. Nach der Begrüßung kam meine Tochter, ihr übereeichte ich die Blumen, die für Gabi vorgesehen gewesen sind, sie freute sich riesig darüber. Leute kamen, stiegen aus, begrüßten wieder andere. Jupp seine Familie, sein ehemaliger Schwiegersohn, der Schwager von Jupp seiner Tochter nebst Frau, eine ehemalige Angestellte, wie es mir schien, seine Exfrau mit Mann, die Enkeltochter mit Freund. Vielleicht überschlagen 22 Leute. Die Försterin kam. Sie nahm die Urne, fragte nun aber, ob jemand anderes die Urne tragen möchte. Meine Schwester, die mit ihrem Auto schon ein Stück des Weges hin gefahren war, nahm als erste die Urne, ich war mir nicht ganz schlüssig, mein Gefühl sagte mir, dass ich ihn ja schon über Jahre getragen hatte. Nach einer Weile, nahm ich die Urne und trug sie. Vielleicht aus Scham, vielleicht auch deshalb, um ihn ein Stück des letzten Weges zu begleiten. Sie wog etwa 2 Kilo. Dann reichte ich sie weiter, an seinen Sohn, als ich mich noch einmal umdrehte, trug sie seine Tochter. Insgeheim spürte ich ein inneres, zufriedenes Lächeln. Ja, dachte ich, ihr sollt auch mal sehen, wie schwer so ein Mensch selbst nach dem Tode ist. Aber etwas anderes schien ich zu spüren. Seine Seele ging neben mir und versuchte mir Trost zu spenden. Noch nie in meinem ganzen Leben habe ich so etwas erlebt. Angekommen, las ich vor, wie es weitergehen sollte. Der Text eine Mischung aus, "Wir haben uns versammelt..." und " Nachhher am Andachtsplatz, Kaffee und Kuchen..." Tränen flossen mir über das Gesicht,während ich versuchte zu reden, es war nicht einfach, ein paar Worte zu sagen. Ich zitterte, während ich vom Zettel ablas, steckte dann aber den Zettel in die Hosentasche, die letzten Worte kamen mir von selbst über die Lippen. Dann sprach auf mein Nicken die Enkeltochter, den Text kannte ich schon von der Gedenkseite. Sie sprach darüber, dass sie ihren Oa seit 2 Jahren nicht mehr gesehen hatte. Ich musste meine Gefühle zurück halten, es war eine Mischung aus Genugtung, Wut und Mitgefühl. Ich versuchte bei mir zu bleiben, mit meinen Gedanken. Die Urne wurde herabgelassen und wir versenkten unsere Spruchbänder, einige weiß-blaue Blütenblätter und 2 Zigaretten und 2 Kaffeebohnen. Dann wurden Becher ausgeteilt, alkoholfreier Sekt eingegossen. Wir stießen mit den Bechern auf das gelebte Leben an und den letzten Schluck gossen wir in das Grab. Die Stelle wurde verschlossen. Und wir gingen im stömenden Regen, der mittlerweile eingesetzt hatte, zum Andachtsplatz. Zum Glück war er unterdacht. Zumindest teilweise. Kaffee, Kekse und Kuchen wurde verteilt, gegessen, geredet und auch geweint, geschwiegen. Eine ziemlich harmonische Stimmung. Nach einer Weile war alles abgeräumt, einige Leute schon verschwunden und wir blieben übrig, gingen zum Auto. Ich war durchgefroren, mein Sohn weinte immernoch. Ich umarmte ihn. Meine Tochter und mein Sohn wollten zusammen fahren, sie redeten noch am Auto, ich verabschiedete mich von Ihnen. Hatte aber zeitgleich ein schlechtes Gewissen, sie so alleine los gehen und fahren zu sehen. Meine Schwester bemerkte, dass sie doch erwachsene Menschen seien, sie selbst hat keine Kinder. Denn eigentlich wollte ich meinen Kindern Geld für ein gemeinsames Essen oder Imbiss mitgeben, tat es aber dann doch nicht. Auch meine Tochter meinte, ach Mutti lass doch. Ich wusste in meinem Herzen, dass sie alles bezahlen würde und der Gedanke daran machte mir die Seele schwer. Ich fuhr endlich los. Zu meiner Mutter. Ich denke, auch wenn es bei ihr nicht immer schön und oft unreflektiert zugegangen ist, sie ist und bleibt immerhin meine Mutter.
© Susann Krumpen