Immer wieder schaue ich auf den Umsatz, Täglich, Stündlich, ja sogar im Minuten - Takt. Es will einfach nicht richtig was werden, der Umsatz fließt zäh, an manchen Tagen stagniert er völlig, da kommt es mir vor, als wäre das internet abgestorben! In meinem Kopf schwirrt es. Die Frage "Was soll ich tun?" steht seit längerer Zeit im Raum, eigentlich seit Jahren und so langsam beginne ich zu verstehen, was ihn so beschäftigt haben muss. Existenzangst. Ich nehme mir einzelne Artikel vor, überarbeite sie komplett. Neue Bilder, zusätzliche Beschreibung. Ich lege jedem Kunden eine kleine Aufmerksamkeit mit in die Sendung, ein kleines Kärtchen im Visitenkartenformat, einen Teebeutel für die Pause und ab und zu schaffe ich es sogar, ein Bonbon mit dazu zu legen. Die Bewertungen sind seitdem gefühlt besser geworden. Ich versuche persönlicher zu antworten, einfache Sprache, einfache Beschreibungen. Berate Kunden am Telefon, die dann nichts bestellen, schaue, was kompatibel ist und sorge für einen zeitnahen Versand. Es hilft nicht viel, die Konkurrenz ist groß und die derzeitige Wirtschaftslage gibt den Umsatz im Moment nicht her. Zumindest gefühlt. Vor einer Woche hatte ich drei Tage hintereinander über Zweihundert Euro Umsatz, da dachte ich noch: jetzt geht meine Saison los! Jetzt aber sehe ich seit einiger Zeit eine Abwärts - Entwicklung und ich frage mich, was ich mit den vielen Rollen Textilkabel in rot machen werde, die Er noch vor seinem Ableben bestellt hatte, die im Lager darauf warten, verkauft zu werden. Andererseits stelle ich nüchtern fest, dass ich soviel Ware wie noch nie im August/Septempber eingekauft habe. Viele Artikel fehlten, einige waren gar nicht mehr vorhanden und ich frage mich, warum mir das nicht schon früher auffallen konnte. Eigentlich ein gutes Zeichen, und trotsdem bleibt unter dem Strich nicht viel von dem übrig, was ich glaube zu verdienen. Ich warte auf den Monatsabschluss vom Steuerbüro. Die Gedanken kreisen. Also schaue ich die Jobangebote im Internet durch und bewerbe mich in einem Kurzschreiben auf eine Stelle. Dreiviertel Besetzung, also keine 30 Stunden Woche. Als medizinische Fachangestellte, früher Arzthelferin (der Titel gefällt mir sowieso viel besser) Die Stelle ist in einer Psychiatrischen Intsensiv - Ambulanz. Ich bringe jede Menge Vorerfahrung mit und würde mir das zutrauen. Wenn da nicht dieser alles entscheidene Haken wäre: ich müsste umziehen. In mein ehemaliges Heimatdorf. Dort habe ich keine Wohnung, kein Garten, kenne mich aber bestens aus. Als Kind habe ich jede Ecke erkundet, jeden Stein umgedreht. Bin in die Wälder gerannt, über Zäune gestiegen und habe mich, ausserhalb meiner Familie ziemlich wohl gefühlt. In meiner Bewerbung habe ich vermerkt, dass ich in meinem Heimatort keinen Wohnsitz habe. Und eigenlich habe ich hier in meinem Garten vorige Woche noch Tulpenzwiebeln gesteckt, damit es im Frühjahr wieder kräftig blüht. Wundervolle gelbe mit nickenden Köpfen und orange geflammte mit fransigen Blüten. Wehmut steigt in mir auf. Ich schwebe zwischen den Welten und frage mich, warum ich den Schritt nicht wagen kann? Schließlich könnte ich vorrübergehend bei meiner Mutter im Nachbarort meines Heimatortes wohnen, auch wenn ich dann ein ziemlich eingeschränktes Leben hätte, weil sie mich für ihre Belange in Anspruch nehmen würde. Sie hat ein ausgesprochen großes einnehmendes Wesen, was ich überhaupt nicht mag. Deshalb besuche ich sie höchstens einmal im Monat. Ausserdem müsste ich mein Haus hier verkaufen. Doch ich fühle mich hier gut aufgehoben und sicher. Was soll ich also tun? Noch steht ja gar nicht fest, ob ich die Stelle erhalte. Die Bewerbung habe ich online am Freitag raus geschickt, heute ich Montag früh. 2 Verkäufe knapp 24 Euro Umsatz...
© Susann Krumpen