Neugierig? Na dann mal los!

Mittwoch, 19. August 2026

Ganz in Familie - oder doch nicht? Planung der Urnenbeisetzung Teil 1

 Nachdem ich mit jeder Partei mindestens 30 Minuten telefoniert hatte, waren fast 3 Stunden vergangen. Jedem das Selbe erzählen. Der Eine kann, der Andere nicht. Wieso Pappbecher im Friedwald, warum sind keine Blumen erlaubt, warum feste Schuhe und keine schwarze Kleidung, warum kein koffeinfreier Kaffee, warum, warum, zu viele Warums. Mein Kopf dröhnt, ich habe eine Kopfschmerztablette genommen. Das erste Gespräch mit meinem Bruder, er möchte mit seiner Familie nicht dazu kommen, ich höre mir seine Gründe an, obwohl es nichts zu begründen gibt, und stimme der Sache völlig zu. Mein Inneres sagt mir, wer nicht kommt, ist nicht dabei. Das hat nichts mit Jupp oder mir selbst zu tun. Andere Menschen sehen das anders, das dürfen sie auch. Meine Schwester meinte, sie fände das nicht in Ordnung, hätte es schöner gefunden, wenn wehnigstens der eigene Bruder mit dabei gewesen wäre. Alte Wunden reissen auf. Ich kann es fühlen. Schon im Urlaub hat sie sehnsüchtig auf ihn gewartet, er kam nicht, hatte angeblich Besuch. Ich versuche mich, davon zu distanzieren, obwohl es auch an meiner Seele kratzt. Meine Mutter hat nicht viel Verständnis dafür, dass zur Urnenbeisetzung ehemalige Wegbegleiter, die ich noch nicht einmal oder nur flüchtig kenne oder kannte dazukommen. Sie selber wollte Anfangs nirgends hingehen, nicht zur Trauerfeier, nicht zur Urnenbeisetzung. Jetzt macht sie so ein Trara daraus. Fürchterlich.  Denn ich finde, jeder, ob er sich zu Lebzeiten gekümmert hat, oder nicht, sollte wehnigstens die Möglichkeit bekommen, hier Abschied nehmen zu dürfen. Dabei ist es für mich unerheblich, ob ich die Person gekannt habe, oder auch nicht. Ich merke es deutlich an den Denklücken, die sie hat und dem darauffolgenden Satz" Ja musst du ja wissen, es war ja dein Mann" Und es war nicht nur mein Mann, ER war auch Chef, Kollege, Freund, Nachbar, Kunde, Angestellter Familienvater, Ehemann, Exehemann oder Gefährte von Menschen, mit denen Er in Berührung gekommen war. All das zusammen machte ihn als den Menschen aus, den ich so geliebt habe. Und ich finde es schade, wenn irgendjemand gerade jetzt diese einzige Möglichkeit verpassen würde. Jeder Mensch braucht seinen Seelenfrieden. 

Dienstag, 18. August 2026

Tage gibts - noch weniger als MF - vs Großstadtschnauze

 Diese Tage sind ruhig, manchmal zu viel. Zu ruhig. Da suche ich Beschäftigung. Und sehe, dass mein Fenster im Büro auch wieder mal geputzt werden müsste. Mein Sohn ist noch da. Wie manche Menschen es schaffen, früh, wenn die WElt noch halb schläft schon mehr als 120 Prozent zu geben. Zu laut, zu viel Machogehabe. Ich mag es nicht, wenn er so tut, als wäre durch seine Aktionen die Welt gerettet. Zuviel heiße Luft. Er will mir zeigen, dass ER der Macher ist, betont ausdrücklich, was ER alles für mich getan hat. Stimmt, er hat geholfen, die Münzen und das Gewehr verkauft. Ich habe ihm einen großteil davon überlassen, zum Einen, weil ich mir irgendwann nicht nachsagen lassen möchte, was ER alles für mich getan hat. Zum Anderen als Test für sein Leben, Er weiß es nur noch nicht. Der umgang mit anderen Menschen steht bei mir auf der obersten Rangliste,  Lebenserfahrung einsammeln, würde ich es nennen. Ich hoffe, er liest dieses Buch mit einem Lächeln im Gesicht. Tränen wären auch okay. Ich mag es aber eher leise. Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, dass leise Menschen viel mehr erreichen können. Sie zertreten wehnigstens kein Porzellan. 




Montag, 17. August 2026

Drei Tag nach der Trauerfeier - Gedanken am Rande

 Meine Gedanken kreisen nun um die Zeit zwischen den Welten. Wie bedanke ich mich für die Trauerkarten und die finanzielle Zuwendung der Dorfbewohner und der, die anonym geblieben sind? Und was sage ich denen? Ich habe noch keine Ahnung, was da als angemessen empfunden wird. Zwei Tage nach der Trauerfeier ich mich bei der Dorfgemeinschaft für die Ausstattung der Trauerfeier bedankt. Es waren ungefähr oder schätzungsweise an die fünfzig Leute da. Es wurde gegrillt, Salate gebracht, Kuchen gebacken. Die Getränke und das Toilettenpapier bereitgestellt und überhaupt alles, was dazu gehört. Weiße Tischdecken, Blumen (ausser den Tischschmuck den ich extra dafür gekauft hatte) den Kaffeeautomaten aus der Kirchengemeinde, nebst fünf Thermoskannen, die dann doch nicht verwendet worden sind. Ausserdem die Grillkohle, die zwei Grill und Leute, die sich bei dem Wetter bereit erklärt hatten, das Fleisch und die Würstchen zu grillen. Es waren besteimmt 36 Grad im Schatten. All das und noch viel mehr wurde von der Dorfgemeinschaft organisiert und auch eingehalten. ich fühlte mich gehalten. Anders kann man es wirklich nicht ausdrücken. Aber wieder eine Nachricht in die WhattsApp? Mein Gefühl schreit "nein" nicht schon wieder. Es muss auch endlich Schluss sein, mit meinen Belangen. Sie haben wirklich genug getan. Zumal dort schon eine Nachricht "Einladung zum Sommerfest" steht, kann ich da nun nicht nochmal mit einer weiteren Danksagung kommen. Und mir fällt ein, dass sich andere Menschen, deren Angehörige gestorben waren, auch nicht noch einmal extra bedankt haben. Aber mein Gefühl lässt den Gedanken noch nicht los, bis ich es für mich selbst als bereinigt ansehe. Menschen sind eben unterschiedlich. Mir fällt auch ein, dass meine Schwester noch 20 Karten für die Danksagung bereitgestellt hatte. Erst wollte ich sie nicht, weil ich sie unsinnig fand, aber wenn ich so recht nachdenke, warum sollte ich sie nicht verwenden? Es wäre doch etwas schade drum. Andererseits aber kommt ja noch eine Danksagung in die örtliche Zeitung. Ich hatte die Bestatterin angeschrieben, aber sie hat noch nicht antworten können, so wie sich das Verhalten durch die gesamte Zeit gezogen hat. Eigentlich etwas schade, das Gefühl zu haben, dass Fragen nicht zeitnah beantwortet werden können, gerade bei so einem sensiblen Thema. und noch etwas geht mir durch den Kopf. Die Urnenbeisetzung im Friedwald steht bevor. Am Samstag.  Eigentlich habe ich davor keine Angst, aber ich überlege, ein paar Worte zu sprechen und frage mich, wie das ablaufen könnte. 


© Susann Krumpen

Freitag, 14. August 2026

Tag der Trauerfeier - Gäste und so weiter

Die Nacht war grauenvoll, ich hatte fast nicht schlafen können und meine Gedanken kreisten nur und immer wieder um den Ablauf der Trauerfeier. Ich stand zeitig auf, an Schlaf so wieso nicht mehr zu denken. Zähneputzen, etwas waschen und direkt zum Kaffeeautomaten. Seit gefühlten 8 Wochen mache ich nichts anderes, wie Kaffee kochen und trinken, Gäste bewirten, Betten beziehen, Essen einkaufen, welches ich im Normalfall nie gebraucht hätte. Meine Schwester, mein Schwager schliefen in meinem Schlafzimmer, dem größten Raum im Haus mit ihrem Hund. Micha schlief in der Stube auf der ausgezogenen Couch und für mich blieb die Besuchermatratze im Büro. Grauenhaft! Der Rücken schmerzte schon früh. Egal, ich musste weiter kommen. Kaffee mit Milch und Zucker war meine Rettung. Frühstück vorbereiten, Brötchen aufbacken, selbst gemachte Marmelade und so weiter. Lust hatte ich nicht. Nach dem gemeinsamen Frühstück warten. Warten auf die Gäste von Jupp seiner Familie, seine Kinder. Nach gefühlten Stunden kamen sie. Sohn und Schwiegertochter, die Enkel, die ich jahrelang nicht mehr gesehen hatte und deren Freunde, die witzigerweise den selben Vornamen trugen. Die Tochter mit Mann aus zweiter Ehe. Kinder gab es da nicht. Insgesamt waren wir dreizehn Leute aus zwei Familien. Man stellte sich vor, umarmte sich. Ich weiß heute nicht mehr, wer mich umarmt, und wen ich eigentlich umarmt hatte. Wir gingen gemeinsam zum Friedhof, zur Trauerkapelle. Die Bestatterin rief an und fragte nach der Musikliste, ich erklärte ihr, dass ich ihr das bereits vor drei Wochen per Mail geschickt hatte. Die Liste selbst hatte ich dem Pfarrer mitgegeben. Das Bild, welches meine Schwester mitgebracht hatte war viel zu klein, Jupp war darauf kaum richtig zu sehen. Na gut, ich muss loslassen, so denke ich. Lass es einfach laufen, ich kann da nichts mehr ändern und es schont auch meine Nerven. Gute Entscheidung.


© Susann Krumpen

Donnerstag, 13. August 2026

Der Tag vor der Trauerfeier - 30 Grad im Schatten

 Natürlich ist es schön draußen, nur nicht für mich. Es ist Badewetter. Früh plus 4 Grad und tagsüber steigt das Thermometer bis über 30 Grad. Ich frage mich, nach alldem, was ich besorgt habe, ob das Grillen in der Mittagshitze noch einen Sinn ergibt und wer sich da bei dem Wetter hin stellen soll. In meinem Kopf sind die Gedanken. Was passiert, wenn wegen dem Wetter keiner kommt? Was wird sein, wenn ich auf dem Grillgut sitzen bleibe? Was ist, wenn alles nicht so sein wird, wie ich es mir vorgestellt hatte, oder wie es geplant gewesen ist? Das Wetter ist die entscheidene Frage. Einige Dorfbewohner haben abgesagt, weil sie angeblich morgen arbeiten müssen. Kann sein, oder auch nicht. Ich will es mal glauben. Aber was ist, wenn... Mein Kopf hämmert. Ich versuche die Tatsachen zusammenzufügen. Moment mal. Es ist Mittagszeit, keiner von denen, die kommen, haben was gegessen, höchstens ein Frühstück. Trotsdem, es ist Mittagszeit. Die Familienmitglieder sind dreizehn Leute, das ist nicht viel, aber auch nicht wenig. Gabi, die das alles hier organisiert hat, hat bemerkt, dass Essen wohl genug da sein wird. Das denke ich auch. Immerhin habe ich 80 Würstchen und 50 Stück Fleisch gekauft. Getränke sollten eigentlich reichen. Die Dorfgemeinde hat gebacken. Kuchen und Kaffee. Der Pfarrer isst auch mit, das ist Tradition, schon mal 14. Na immerhin. Ach, was mache ich mir eigentlich Sorgen, es kommt, wie es kommt. Auch bei der Hitze. Wenn nun Feuerwehrfest wäre, müsste es auch gehen. Und ehrlich gesagt, Hunger und Appetit hat man immer. Nur der Anlass ist dann ein Anderer, das ist der einzige emotionale Unterschied. Vielleicht kann man die Bänke ja auch so stellen, dass ein wenig Schatten darauf fällt. Schauen wir mal, was und wie es kommt. Ich werde womöglich eine schlaflose Nacht haben. 


© Susann Krumpen

Der Abend vor der Trauerfeier - Dorfgemeinschaft

 Als ich zur Feuerwehr kam, waren schon mindestens 16 Leute da, um zu helfen. Sie standen im Kreis und erwarteten die anweisungen von Gabi, die als Disponentin fungierte. Es lief reibungslos. Ich stellte die Tüten mit den Brezen auf den Tisch, die mitgebrachten Getränke wurden in den Vorraum gebracht. Alles da. Die Leute standen im Kreis und diskutierten, wo das Beisammensein nach der Trauerfeier statt finden sollte. Viel zu heiß, für das Wetter, immerhin fast 40 Grad in der Sonne am Mittag. Ohne Überdachung wird es nichts. Einige Ideen waren, das Feuerwehr Auto raus zu fahren und es dort in der Garage zu machen. Da ist es angenehm kühl. So kam es auch. Der Plan wurde in die Tat umgesetzt. die Bänke und Tische pro forma aufgestellt, die Situation durchgespielt. Acht Tische, 12 Sitzbänke und der Vorraum der Feuerwehr fungierte als Abstellmöglichkeit für Salate, Kuchen, Milch, Gebäck und Geschirr jeglicher Art. Es wurde gefegt, gewischt, sortiert und besprochen. Irgend jemand hatte weiße Tischdecken, Blumen und Servietten. Perfekt. Alles abgebaut, das Feuerwehrauto rein gefahren, der Plan stand. Ehrlich gesagt, war ich restlos überwältigt und die Tüte mit den Brezen wurde herumgereicht. Salzig, aber lecker. 


© Susann Krumpen

Nebengedanken - meine Zukunft - oder die Angst zu versagen

 Jede Witwe, dessen Mann nicht allzuviel verdient hat, kennt das Gefühl auf der Strecke zu bleiben, gerade finanziell. Auch ich fühle mich im Moment so. Ausgebrannt, leer, erschöpft. Niemand wird sich dafür interessieren, wie es weitergeht. Ich habe mir vor Jahren schon Gedanken darüber gemacht, was sein wird, wenn Jupp nicht mehr da ist. Durchgespielt. und verdrängt. Jetzt aber ist es verdammte Realität! Ich muss mich bewegen, in alle Richtungen. Was soll das bedeuten, wird der Leser sich fragen? Ich schaue auf das Konto, online. Mehrfach am Tage, in der Hoffnung, dass da noch was kommt. Aber die Warheit ist, es kommt nichts mehr. Die ohnehin schon knappe Rente, die er hatte, deckte gerade unseren sehr sparsamen Tagesbedarf an Nebenkosten. Eigentlich wollte er mich anfangs nicht heiraten, weil er wusste, dass es nicht reichen würde. Aber mir hat es gereicht, an Würde, Loyalität, Liebe. Das war es, was mich reich gemacht hat, ohne je einen Cent zu besitzen und so kam es dann auch. Die Kunden bezahlen derzeit ihre Rechnungen nicht fristgerecht, obwohl ich ihnen Skonto eingeräumt hatte in der Hoffnung, dass das Geld schneller auf dem Konto sein sollte, Fehlanzeige. Die Verkäufe gehen schleppend voran, also stellte ich vor ein paar Tagen einen Lastenausgleich beim Jobcenter, in der Hoffnung, dort etwas Unterstützung zu bekommen. Jeden Morgen schaue ich zuerst in die Bank, um die Eingänge zu prüfen, es gibt nur Abgänge. Der Vorrat an Geld schrumpft merklich und dabei war die Bestattung, die Blumen und alles drumherum noch nicht einmal bezahlt. Die Rechnungen kommen noch. Ich habe Angst, Angst, es nicht zu schaffen. Also fing ich an, mich vorzustellen, in Arztpraxen, in Cafees. Keine Chance, seit dem Unfall und der Operation meines rechten Handgelenkes hatte ich keine wirkliche Chance, eine passende Arbeit in Teilzeit oder an den Wochenenden zu finden. Das foodcharing und die Kleiderkammer waren schon früher meine Rettung und sollten es vorläufig auch noch eine Weile bleiben. Aber tief in meinem Inneren spüre ich, dass es neue Wege geben muss. Die Richtung steht noch nicht fest.


© Susann Krumpen