Neugierig? Na dann mal los!

Samstag, 29. August 2026

ER hat mich im Stich gelassen - oder gibt es noch Wunder - ein Heißluftbalon

 Ich stand auf, heute Morgen. Meine Gedanken hängen noch an diesem einen Satz, der meine Seele komplett zerstören würde, würde ich nicht irgendwie handeln. Das echte Wunder wartete schon draußen auf mich. Ich nehme, wie gewohnt, ein paar Nüsse für die Krähen mit. Sie sollen auch an diesem Morgen nicht leer ausgehen. Der Himmel ist grau, die Wolken brechen auf, so dass die Sonne heute ein Kleid von flauschiger Watte trägt, ihre Strahlen erstreckten sich hier und da, als würden sie mich und die ganze Welt umarmen. Ich scheine davon zunächst nichts mitzubekommen. Ich laufe und laufe, spüre kaum meine Füsse. Lasse die Nüsse aus meiner Hosentasche am Straßenrand fallen und beobachte, wie die Krähen danach kommen, um sie aufzunehmen, beim Umdrehen sehe ich, dass sie verschwunden sind. Manche Tage fliegen sie so nah und tief um mein Gesicht und um mich herum, dass ich meine, sie wären kurzsichtig und können nicht richtig sehen. Dabei sehen sie sogar sehr gut, ich spüre den Luftzug von ihren Flügelschlägen. Auch wenn sie sich hinter mir von den Bäumen herablassen, um das Futter aufzunehmen spüre ich ein Surren, sehe je nach Sonnenstand auch ihre Schatten. Es erfüllt mich mit Freude und innerer Zufriedenheit. Es ist pures Glück. Heute früh aber war ich mit meinen Gedanken bei diesem einen Satz und viele Fragen, die sich in meinem Kopf versuchen fest zu setzen. Ich bekomme kaum noch Luft, fühle mich regelrecht erdrückt, von diesem Gedanken, dass ER mich im Stich gelassen haben soll. Ich hebe meinen Kopf und will gerade ansetzen, Luft zu holen, bleibe wie gebannt stehen. Ein Heißluftballon am Himmel, weit entfernt und doch ziemlich deutlich sichtbar. Der Ballon blaugrau, fast wie die Wolken, die am Himmel zu sehen sind. Ich stehe am Straßenrand und hole tief Luft. Erst jetzt verstehe ich. ER ist an mir vorbeigefahren, ja er ist es! Ich winke wie verrückt, in der Hoffnung, dass er mich sieht. Der Balon fährt weiter und weiter, bis er nur noch einen Punkt am Himmel ausmacht. Ich höre gar nicht auf zu Winken. Endlose Tränen rinnen über mein Gesicht. Oh Jupp, du hast nach mir geschaut, du wolltest mir sagen, dass du mich liebst und ich nicht alleine bin. Was für ein Wunder, was für ein Glück! Den heutigen Morgen werde ich nie vergessen. Der Gedanke, dass du mich im Stich gelassen haben könntest, war restlos aus meinem Kopf verschwunden, meine Seele kann wieder Atmen. Ich fühle mich schlagartig besser. Sämtliche Zweifel sind ausgeräumt. Zuhause mache ich mir einen Milchkaffee mit viel Zucker, sitze draussen im Garten, während ich meinen Kaffee trinke und hänge diesem Gedanken nach. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht.


© Susann Krumpen

Freitag, 28. August 2026

ER hat mich im Stich gelassen - oder gibt es noch Wunder Teil 1

 Das zufällige Gespräch heute mit einem Kunden. Er brauchte Einzelteile für eine Lampe und ich bat ihn darum, Bilder per Whattsapp hoch zu laden, was er offensichtlich auch tat. Im Gespräch erwähnte ich, dass ich zum Heraussuchen etwas Zeit brauche, weil ich das Geschäft alleine führe, da mein Mann gestorben sei. Ich erwähnte beiläufig, dass er den Weg selbt gewählt hatte. Warum ich ihm das erzählte, weiß ich heute eigentlich nicht mehr. Die Stimme am anderen Ende wurde einen Augenblich lang still. Dann aber bemerkte der Kunde, der offensichtlich der Stimme nach ein Mann mittleren Alters zu sein schien. "Er hat Sie im Stich gelassen" tönte es duch das Telefon. Ich rang nach Luft. Fand den Gedanken unerhört, wollte etwas erwiedern, tat es aber nicht. Der Kunde wiederholte diesen einen Satz mindestens noch zwei Mal, ich rang nach Luft und antwortete nicht, sondern versuchte das Gespräch auf die Zusammenstellung seiner Lampe zu lenken. Ich konnte an dem gesamten Abend an nichts anderes mehr denken. Hatte mich Jupp wirklich im Stich gelassen ? War es wirklich so, dass er sich eingerollt hat und einfach verschwunden war? Ich spürte Wut. Warum? Schrie es plötzlich in mir! Warum hat er das getan? Es tat sich mir eine völlig neue Perspektive auf. Nicht die, in der ich gerade gestern noch dachte, er wäre aus dem Leben gegangen, um mich zu schonen. Nein, bei Weitem nicht. Es zeigte sich plötzlich die hässliche Fratze von einem Menschen, den ich doch glaubte zu lieben. Die Sanftheit verschwand, ein schwerer Schleier legte sich über mein Gemüt, es schien, als hätte der eine Satz mein Leben vergiftet. An Schlaf war an diesen Abend nicht zu denken. Ich lag im Bett und der Gedanke übernahm völlig die Kontrolle über meine Seele, es kam mir vor, als hätte jemand Farbe in den Fluss gekippt. Plötzlich fühlte ich mich angreifbar. Ich grübelte und grübelte und in meinen Gedanken kamen frühere Situationen zum Vorschein, in denen Jupp sich durch das Leben larviert hatte. Der Satz sollte sich bestätigen, oder doch nicht? Hatte er keine einzige Ecke unseres Hauses finden können, wo er sich verstecken konnte? Hatte er gedacht, ich würde ihn finden und mit Mitgefühl und Trost einwickeln, wie einen kostbaren Diamanten? Ist er deshalb diesen Weg gegangen, damit ich keinen Zugriff mehr zu ihm finden sollte? Es war schwer zu verstehen, was sich für absurde Gedanken in mir abspielten. Ich selbst verstand gar nicht, was dieser eine Satz in mir anrichtete. Und ich fing an zu spüren, dass er drohte, meine Seele zu zerstören. Das Vertrauen war infrage gestellt. Am Morgen wachte ich schweißgebadet auf, ich hatte kaum Kraft aufzustehen, Tränen rannen mir über das Gesicht. ich beschloss erstmal eine kleine Runde raus zu gehen, um frische Luft zu schnappen. Dann geschah das echte Wunder...


© Susann Krumpen

Dienstag, 25. August 2026

Danksagung oder Karten?

 Ich öffne die Tür, nachdem es geklingelt hatte, die Bestatterin steht draußen und ich bitte sie herein. Auf Nachfrage mache ich ihr einen Kaffee und wir essen zusammen Kuchen, den ich schon bereitgestellt hatte. Die Atmosphäre locker. Wir reden. Den Text für die Danksagung hatte ich mir schon vorher überlegt, ich reiche ihr das beschriebene Blatt rüber. Allein die Ausgestaltung ist für sie noch wichtig, ich wähle einen schlichten Baum. Die meisten Menschen bekommen letztendlich eine Karte in Form einer Taube, die man an das Fenster hängen kann. Für alle Anderen die Danksagung in der öffentlichen Zeitung. Mehr als 20 Karten habe ich dann auch nicht. Und schon stolpert man in die Falle, in die wohl andere Menschen vor mir gestolpert sind. Die Geldzuwendungen aus den Trauerkarten werden sowieso dafür verwendet, um die Danksagungskarten zu kaufen und zu versenden. Ich persönlich sehe es einmal so: Wenn jemand stirbt, dann habe ich eine Trauerkarte, die mir ansprechend erscheint und lege einen bestimmten Betrag mit dort hinein. Irgendwann, und die Leute merken sich das, bekommt man den selben Betrag wieder zurück. In der Trauerkarte für seinen Angehörigen. Die Bestatterin und ich essen Kuchen, der regenbogenfarbig ist und wunderbar schmeckt. Wir plaudern über dies und das. Sie möchte wissen, wie die Urnenbeisetzung gelaufen war. Und ich habe ihr erzählt, wie und was dort statt gefunden hat. Im Nieselregen, schön und ergreifend war es. Wir haben ihm sogar 2 Zigaretten und 2 Kaffeebohnen mit auf den Weg gegeben. Es ist ein tröstlicher Gedanke, es endlich abgeschlossen zu wissen. Ich erzähle ein wehnig über das gelebte Leben mit Jupp und sie lächelt. Zum Abschluss frage ich sie, ob sie eine, von den Karten haben möchte. Sie bejaht und nimmt eine mit. Die Tauben kann man sich schön an das Fenster hängen. Eigentlich benötige ich die öffentliche Danksagung nicht, aber für alle Fälle und damit sich hier in der Gegend auch niemand auf den sogenannten Schlips getreten fühlt... Mission erfüllt. So wie ER war, schlicht und einfach. 


© Susann Krumpen

3 Tage nach der Trauerfeier - Gedanken zum Überleben

Seit gestern bin ich zuhause. Ich fühle mich nicht gut. Es gibt Momente, in denen ich nur da sitze, und im Büro vor mir hin starre, ins Leere. Mein Kopf will dann auch nicht mehr arbeiten. Heute bin ich erkältet. Seit 21 Jahren, und darüber hinaus hatte ich nichts dergleichen, ich war immer im Lot. Aber jetzt? Jeder, dem ich begegne, will nach Möglichkeit wissen, wie es war, wie es abgelaufen ist. Sensiationspresse. Einige Karten zum Verteilen liegen noch hier auf dem Schreibtisch und warten darauf, an den richtigen Absender gebracht zu werden. Der Berg von Unaufhörlichem scheint im Moment unüberwindbar. Heute früh war ich zur Physiotherapie, totale Verspannung in den Schultern. Ich rede da nie viel, versuche mit den Übungen mitzugehen, um das Maximalste aus der Behandlung herauszuholen. Ich habe gerade 6 Termine, von denen sicher schon 3 benutzt worden sind. Nach den jeweiligen Behandlungen scheint es mir etwas besser zu gehen. Ich möchte so Vieles, die Kraft reicht gerade mal, um den Tagesablauf zu gestalten und sich hin zu legen. Ich bin enttäuscht, möchte, dass der Zustand aufhört, weiß aber nicht, was ich tun soll. Deshalb versuche ich so weiter zu machen, wie bisher. Den morgigen Dienst beim FairTeiler habe ich abgesagt. Ich schaffe es schlichtweg nicht. ..


© Susann Krumpen



Samstag, 22. August 2026

Tag der Trauerfeier

Wir fahren früh los, kurz nach sieben. Die Urne, die sich noch m Karton befindet, wird angeschnallt, dazu kommen die Stiefel, das Bild von meiner Schwester, ein Halstuch, der Hut und der ewig stinkende Schal. Ein Schal, den er täglich getragen hatte, der derart nach Zigarettenqualm stank, dass man es beihnahe nicht mehr ausgehalten hatte. Die letzte Fahrt auch für ihn. Dazu kommen, ein Kisten Getränke, die Pappbecher, Servietten, eine große Schüssel Kekse und die gebackenen Windmühlen aus Blätterteig von einer Bekannten, die sie mir noch gestern Abend gebracht hat. Sie haben uns gestern schon geschmeckt. Gefüllt mit Erdbeermarmelade. In einer Weihnachtsschachtel. Ich fand es irgendwie süß! Losgefahren, die bekannte Strecke. Auch unterwegs hatte mein Sohn sein Handy und meinte, er müsse mir sagen, wo ich hier lang muss. Ach, dachte ich, was meinst du, wie oft ich die Strecke in den 21 Jahren gefahren bin? Ich kene sie quasi mit verbundenen Augen. Und dann ist der Ort, zu dem wir kommen auch ein Stück Heimat, ich kenne es, wie man so sagt, wie meine eigene Westentasche.  Angekommen, war meine Schwester schon da. Ich weiß nicht, wie lange sie hier vor Ort gewartet hatte. Ich stieg aus, obgleich ich mir damit Zeit ließ, es war noch eine dreiviertel Stunde Wartezeit und es war empfindlich kalt an diesem Morgen. Nieselregen. Schirme waren am Ende genug da. Nach der Begrüßung kam meine Tochter, ihr übereeichte ich die Blumen, die für Gabi vorgesehen gewesen sind, sie freute sich riesig darüber. Leute kamen, stiegen aus, begrüßten wieder andere. Jupp seine Familie, sein ehemaliger Schwiegersohn, der Schwager von Jupp seiner Tochter nebst Frau, eine ehemalige Angestellte, wie es mir schien, seine Exfrau mit Mann, die Enkeltochter mit Freund. Vielleicht überschlagen 22 Leute. Die Försterin kam. Sie nahm die Urne, fragte nun aber, ob jemand anderes die Urne tragen möchte. Meine Schwester, die mit ihrem Auto schon ein Stück des Weges hin gefahren war, nahm als erste die Urne, ich war mir nicht ganz schlüssig, mein Gefühl sagte mir, dass ich ihn ja schon über Jahre getragen hatte. Nach einer Weile, nahm ich die Urne und trug sie. Vielleicht aus Scham, vielleicht auch deshalb, um ihn ein Stück des letzten Weges zu begleiten. Sie wog etwa 2 Kilo. Dann reichte ich sie weiter, an seinen Sohn, als ich mich noch einmal umdrehte, trug sie seine Tochter. Insgeheim spürte ich ein inneres, zufriedenes Lächeln. Ja, dachte ich, ihr sollt auch mal sehen, wie schwer so ein Mensch selbst nach dem Tode ist. Aber etwas anderes schien ich zu spüren. Seine Seele ging neben mir und versuchte mir Trost zu spenden. Noch nie in meinem ganzen Leben habe ich so etwas erlebt. Angekommen, las ich vor, wie es weitergehen sollte. Der Text eine Mischung aus, "Wir haben uns versammelt..." und " Nachhher am Andachtsplatz, Kaffee und Kuchen..." Tränen flossen mir über das Gesicht,während ich versuchte zu reden, es war nicht einfach, ein paar Worte zu sagen. Ich zitterte, während ich vom Zettel ablas, steckte dann aber den Zettel in die Hosentasche, die letzten Worte kamen mir von selbst über die Lippen. Dann sprach auf mein Nicken die Enkeltochter, den Text kannte ich schon von der Gedenkseite. Sie sprach darüber, dass sie ihren Oa seit 2 Jahren nicht mehr gesehen hatte. Ich musste meine Gefühle zurück halten, es war eine Mischung aus Genugtung, Wut und Mitgefühl. Ich versuchte bei mir zu bleiben, mit meinen Gedanken. Die Urne wurde herabgelassen und wir versenkten unsere Spruchbänder, einige weiß-blaue Blütenblätter und 2 Zigaretten und 2 Kaffeebohnen. Dann wurden Becher ausgeteilt, alkoholfreier Sekt eingegossen. Wir stießen mit den Bechern auf das gelebte Leben an und den letzten Schluck gossen wir in das Grab. Die Stelle wurde verschlossen. Und wir gingen im stömenden Regen, der mittlerweile eingesetzt hatte, zum Andachtsplatz. Zum Glück war er unterdacht. Zumindest teilweise. Kaffee, Kekse und Kuchen wurde verteilt, gegessen, geredet und auch geweint, geschwiegen. Eine ziemlich harmonische Stimmung. Nach einer Weile war alles abgeräumt, einige Leute schon verschwunden und wir blieben übrig, gingen zum Auto. Ich war durchgefroren, mein Sohn weinte immernoch. Ich umarmte ihn. Meine Tochter und mein Sohn wollten zusammen fahren, sie redeten noch am Auto, ich verabschiedete mich von Ihnen. Hatte aber zeitgleich ein schlechtes Gewissen, sie so alleine los gehen und fahren zu sehen. Meine Schwester bemerkte, dass sie doch erwachsene Menschen seien, sie selbst hat keine Kinder. Denn eigentlich wollte ich meinen Kindern Geld für ein gemeinsames Essen oder Imbiss mitgeben, tat es aber dann doch nicht. Auch meine Tochter meinte, ach Mutti lass doch. Ich wusste in meinem Herzen, dass sie alles bezahlen würde und der Gedanke daran machte mir die Seele schwer. Ich fuhr endlich los. Zu meiner Mutter. Ich denke, auch wenn es bei ihr nicht immer schön und oft unreflektiert zugegangen ist, sie ist und bleibt immerhin meine Mutter. 


© Susann Krumpen

Freitag, 21. August 2026

Zwischengedanken Blumenschmuck

 Gerade aus dem Blumenladen gestolpert habe ich zwei Sträuße in der Hand, die mir eigentlich nicht wirklich gefallen. Ja, Blumen sind Blumen, aber das kann ich nicht wirklich empfehlen, wo die Sträuße im Nachbarraum gemacht werden, ohne, dass man sieht, was da rein kommt. Gut, nun habe ich sie. Lila, wie gewünscht mit fast keinem Weiß und noch wehniger Grün. Schade. Und ich wette, dass jeder der Sträuße mindestens 30 Euro kosten wird, weil es für die Urnenbeisetzung ist. Kauft man die Sträuße nur mal so, dann sind sie weitaus günstiger zu haben. Ich habe noch keine Rechnung, aber alleine die 2 Töpfe Blüten, die ich morgen mitnehme sollen 120 Euro kosten, ich frage mich, wie der Preis zustande kommt. Genau genommen zahlt man nur für das Gefühl, alles gut und richtig gemacht zu haben. Im Prinzip ist die Farbe und Art ziemlich egal. Ich wollte weiß - blau. Aber im Prinzip eigentlich schon egal. Die Illusion zahlt man mit. Ich bekomme im Geschäft noch zu erfahren, dass allein der Urnenschmuck, der jetzt noch auf meinem Hof liegt, vor sich hin trocknet und langsam unansehlich wird 590 Euro kosten sollen. Schulterzucken. Keine Blume der Welt ist so teuer, aber wenn es um das Leid der Menschen geht, ist es gefühlt Abzocke. Ich erinnere mich einmal an unsere Hochzeit. Dort war ich zum Schminken am selben Tag im Kosmetikstudio. Lidschatten, Rouge, Lippenstift ( den ich heute noch habe und der noch immer nicht alle ist) 78 Euro. Ich war ziemlich geschockt, über solche Preise. In der Zwischenzeit ist Leben vergangen, um genau zu sein 21 Jahre. (Mein Lippenstift ist demnach nostalgisch) Und ich bin selbstständig, habe also verstanden, dass alles bezahlt werden muss, aber dennoch. Die Preise heutzutage. Und doch wird man es wieder genauso machen, weil die Welt sich weiterdreht und die Hinterbliebenen in der Regel froh sind, dass sich einige Dinge ohne ihr Zutun regeln und es Ihnen abgenommen wird. Dienstleistung eben. In der Zeit der permanenten Überforderung...Ich verstehe es sogar.


© Susann Krumpen

Urnenbeisetzung - 1 Tag vorher

 Bis eben wusste ich noch, was ich schreiben wollte. Eigentlich. Den Haustürschlüssel habe ich bei der Nachbarin abgegeben. Ich fahre morgen zur Urnenbeisetzung. Und übernachte bei meiner Mutter. Bis Montag früh, wenn es gut läuft, bis Sonntag Abend, wenn nicht. In einer Stunde etwa soll ich meinen Sohn vom Bahnhof abholen. Ein wenig Schiss habe ich davor, eigentlich nur deshalb, weil ich ihn als absoluten Narzissten wahrnehme. Obwohl sich sein Verhalten, gemessen an den Jahren zuvor schon enorm verbessert zu haben schien. Vor Jahren nahm ich mir immer eine Unterkunft, um ihn zu besuchen, da schafften wir es nur punktuell (zu einem gemeinsamen Essen in einem Caffee oder Ähnlichem) zusammenzukommen. Heute geht es auch mal am Stück. Aber nicht mehr wie 2 Tage, dann läuft bei Ihm alles auf Hochtouren und das Fass über. Er braucht ein Ventil, um weiter zu funtionieren. Bei mir hat er das nicht, deshalb der Angriff vor ein paar Tagen, ich sehe das in der Zwischenzeit reflektierter. Es hatte nichts mit der derzeitigen Situation, oder nur punktuell was mit mir zu tun. Überforderung und alte Wunden, die jeder von uns hat. Aber zurück zum Geschehen. Zum Mittag bringe ich das übriggebliebene Fleisch und die Würstchen zur Feuerwehr. Ich benötige das nicht, möchte es auch in keiner Weise vergütet haben. Denn hier geht es Hand in Hand. Ich werde das Gefühl nicht los, dass genau die Leute etwas für einen tun, die sowieso schon genug mit sich zu tun haben, mit sich herumtragen. Irmgard hatte mir gestern Goulasch gebracht, damit ich heute etwas zum Mittag habe. Das kommt mir sehr entgegen. Irgendwie. Obwohl ich mir gestern Fisch gekauft hatte, freue ich mich schon! Karen bin ich gestern noch mit dem Auto begegnet. Sie backt für morgen die Plätzchen, ich finde das total nett und überhaupt nicht übergriffig. So muss ich mir keine Gedanken um so etwas machen. Getränke habe ich noch, die ich für morgen verwenden könnte. Ich denke darüber nach, ein paar Worte auf der Urnenbeisetzung zu sprechen. Was soll der Inhalt sein? Organisatorisches, oder doch mehr? Es wird mir einfallen. Dann hatte ich den Versicherungsfritzen gefragt, ein langjähriger Freund von Jupp, ob er nicht zu dem ehemaligen Freund von Jupp, also Sven eine Verbindung herstellen könnte. ER scheint der Einzige zu sein, der Kontakt zu ihm hatte. Immerhin wusste er, dass Sven in Europa mit dem Fahrrad unterwegs sei und sie im Sommer noch telefoniert hatten. Vor ein paar Tagen hat der Versicherungsfritze behauptet, dass Sven sein Handy nicht abgenommen hätte. Ich bat darum, eine SMS zu senden, er antwortete, ich habe bis Samstag zu tun, ich kann nicht helfen. Oh mann, ich war so nah dran! Wo ist die Menschlichkeit nur geblieben? Ich nehme es gelassen und frage gar nicht mehr, wünsche ihm eine schöne Zeit. Ich fange an, los zu lassen, nicht mehr hinterher zu laufen, auch wenn sich das eben Geschriebene für den Leser anders anfühlt. Jede Veränderung braucht seine Zeit. Ich habe hinter die Fassade geblickt, zwischen den Zeilen gelesen. Vielleicht bricht irgendwann der Stolz ab, fällt die Krone, stürzt der Thron, auf dem manche Menschen sitzen. Ich bin sicher, dass es so sein wird. Meine Mutter kommt nun doch nicht zur Urnenbeisetzung. Sie kann nicht. Erst hat sie so ein Trara daraus gemacht und nun? Ja. Ich bin auch hier nicht erstaunt, oder gerührt. Ich empfinde nur Mitgefühl und erzähle ihr, dass es absolut nicht schlimm ist, wenn sie zuhause trauert. Ich weiß, dass sie IHN, meinen Mann heimlich geliebt hat. Sie ahnt nicht, dass ich es weiß. Und damit sie sich nicht verrät, bleibt sie zuhause, bei ihrem Schmerz, ihrer Trauer. Immerhin habe ich jetzt das Papierschiffchen, welche Jupp immer aus den übriggebliebenen Bonbonpapieren gebastelt hatte für sie und eine kleine Miniurne, die sie sich hinstellen kann und wo sie einen Ort zum Trauern findet. Ich bin nicht wütend, ich habe Mitgefühl, endloses Mitgefühl...


© Susann Krumpen