Neugierig? Na dann mal los!

Sonntag, 20. September 2026

Das Leben geht weiter - Lügen als Geschenk

Heute ist wieder Sonntag und ich war nicht in meinem Lieblingscafe. Nicht zum Arbeiten und auch nicht, um dort ein Stück Torte zu essen. Ich hatte meiner Familie erzählt, dass ich am Wochenende gelegentlich dort aushelfe, um genug Geld für meinen Unterhalt zu verdienen. Statt dessen mache ich Yoga, schreibe hier die Gedanken auf und gönne mir freie Zeit. Der Leser fragt sich nun, warum das Ganze? Es erfüllt gleich mehrere Zwecke. Zum Einen weiß die Familie, ah, sie ist endlich angestellt und unter Dach und Fach, wie man so sagt. Das solidarisiert natürlich, da in unserer Familie keiner selbstständig ist, ausser meine Tochter, die die Angelegenheit natürlich anders sieht. Und wenn es mal heißt, ach kommste das Wochenende, dann kann ich mich zurück lehnen und sagen, geht nicht, ich muss einspringen. Im Cafe. Keiner würde auf die blöde Idee kommen, über 200 Kilometer zu fahren, um zu kontrollieren, ob das auch stimmt. Ja, natürlich könnte ich bei der Warheit bleiben, so wie es normal wäre, aber was ist schon normal in dieser Zeit? Ich möchte mich schützen, meine Gedanken, meine Seele. Nur darum geht es und weil es nicht jeder versteht. Ich habe das Gefühl, je mehr ich mich vom Todeszeitpunkt meines Mannes zeitlich entferne, destso mehr verlangt man "normalen" Umgang von mir. Sicher versuchen sie Verständnis zu zeigen, aber stimmt das wirklich? Die Antwort ist schlichtweg Nein. Niemand zeigt mehr großartig Verständnis in meiner Situation. Jedenfalls fühle und denke ich das so. Neulich habe ich beim Lobpreis gefehlt, ich hatte mich weder abgemeldet noch andersweitig bekannt gegeben, dass ich nicht dabei sein werde. Ich hatte schlichtweg keine Lust und kenne dort kaum jemanden, wenn nicht Marianne gewesen wäre, die mich kurzerhand früher einmal dazu eingeladen hat. Als ich Marianne die Woche darauf sah, sprach sie mich direkt auf mein Fehlen letzter Woche an. Ich antwortete, mir geht es der Tage nicht so gut. Sie entgegnete, was denn los gewesen sei. Ich wäre ihr beihnahe in das Gesicht gesprungen, statt dessen habe ich geantwortet, dass die Zeit gerade nicht einfach für mich ist. Sie entgegnete nur, ach das ist doch schon so lange her. Ja genau am 12.Juli, heute ist der 20. September. Wohlgemerkt das gleiche Jahr. Ja, die Lügen sind nicht schön aber ein Geschenk an mich selbst. Irgendwann werde ich das auch wieder ablegen. Versprochen.


© Susann Krumpen

Donnerstag, 17. September 2026

Vom System verschlungen - Beitragswahnsinn

 Ich öffne den Brief und bin einen Moment ziemlich sprachlos. Warum? Denke ich. Der Beitragssatz der Krankenkasse ist neu fest gelegt. Fast 500 Euro. Mir stockt der Atem und ich fühle, wieTränen in mir aufsteigen! Gerade gestern hatte ich mich beruhigt und geglaubt, dass ich von der Witwenrente einigermaßen leben könnte. Zwar sind es keine Siebenhundert Euro, aber immerhin ein monatliches kleines Polster, so dass ich in Ruhe in den Schlaf kommen kann. Heute trifft mich der Schlag, Tränen rinnen mir über das Gesicht. Ich lese und stiere auf das Blatt. Verstehe erst mal gar nichts. Was haben die sich gedacht, wovon ich leben soll?  Die Zahlen verschwimmen vor meinen Augen. Es ändert nichts, der Betrag ist angehoben und frisst fast meine gesamte Witwenrente auf. Gerade mal Einhundertzwanzig Euro bleiben mir davon übrig. Wie soll ich das verstehen? Wie soll ich da weiterkommen? Warum fühlt sich das so ungerecht an? Fragen über Fragen. Ich bin erschöpft und muss mich hin legen. Es ist ohnehin Mittag. Aber mein Kopf will und will nicht zur Ruhe kommen, die Tränen schaffen es auf das Kopfkissen, es hat feuchte Flecken und fühlt sich unangenehm an. Ich schließe die Augen, sie schmerzen vom vielen Weinen. Die Welt fühlt sich Scheiße an, meine Nase schnieft, ich bekomme kaum Luft. Versuche mich zu beruhigen. Niemand mit dem ich darüber reden könnte. Keine Nachbarin, keine Bekannte oder Freundin. Sie würden nur hinter meinem Rücken tratschen, es gäbe jede Menge Gesprächsstoff im Dorf und lässt Raum für Spekulationen, das möchte ich mir ersparen. Auch meine Tochter nicht. Bei ihr würden die Alarmglocken klingeln und sie würde mir zum wiederholten Male anbieten, mich monatlich zu unterstützen. Genau das möchte ich nicht. Ich stand immer auf eigenen Füßen und jetzt das? Ich fange an zu sortieren und beschließe nach langem hin und Her, die letzten Monatsabschlüsse und die BWA zur Krankenkasse zu schicken, um meine Situation zu erklären. Ich weiß zumindest, dass sie antworten müssen. Ich stehe auf, weil mein Kopf mich nicht zur Ruhe kommen lässt und spüre, dass mein Körper eigentlich Ruhe nötig gehabt hätte. Ich frage mich, wie lange ich das noch durchstehen kann. 


© Susann Krumpen

Mittwoch, 16. September 2026

Spurensuche im Nebel

 Die Tage werden länger, niemand mit dem ich mich austauschen und reden könnte. Heute überrollt mich das Gefühl, welches man wohl Einsamkeit nennt. Ich kannte es vorher nicht und es treibt mir die Tränen in meine Augen. Und ich frage mich, wie lange hatte Er es geplant? Ich suche nach Anhaltspunkten, Gesten, Puzzleteilen. Mal glaube ich auch etwas gefunden zu haben. ER hatte mir eines Tages "Lebe dein Leben" in mein Ohr geflüstert, fast nebenbei, als ich ihn aus der Klinik abholen wollte, mich zu ihm beugte um seine Tasche aufzunehmen, da passierte es. Und ich weiß noch, wie ich mich über diesen einen Satz gewundert und zeitgleich auch geärgert habe. Heute, wo ich hier sitze um das aufzuschreiben, was wir erlebt, gefühlt und getan haben, glaube ich, Puzzleteilchen zu finden, die in das "System" rein passen. Aber die Warheit ist, es ist nur meine Vorstellung davon, wie es gewesen sein könnte. Letztendlich wird man wohl nie erfahren, wie lange sein Suizid vorher geplant gewesen war. Wie lange er mit dem Gedanken gespielt und wann immer er sein Verschwinden vorbereitet hat. Ich frage mich natürlich immer wieder und wieder. Gehe Szenen durch, von denen ich glaube, das sie mir etwas wichtiges sagen wollen. Verwerfe die Gedanken und komme nochmal zu ihnen zurück. Immer wieder und wieder. Ich werde es nicht erfahren können. ER hat MF - für immer, die Tür ist geschlossen. Auch wenn ich seine Seele spüre, glaube sein Lächeln zu sehen, den Sternschnuppen folge und den Wolken hinterherschaue. 


© Susann Krumpen

Freitag, 11. September 2026

Vorsorge oder Abschied?

 Die letzte Zahlung vom Krankenhaustagegeld seiner Versicherung. Es sind weit über tausend Euro. Ich sehe den Betrag und schaue auf meinem Schreibtisch das Herz aus Speckstein an, welches ER letztes Jahr für mich gefertigt hatte. Was habe ich mich gefreut! Endlich, nach Jahren der Geschenke - Enthaltsamkeit war er in der Lage, mir ein kleines herzliches Geschenk zu machen. Fast 22 Jahre ohne nennenswerte Blumen, ausser dem Kennlernstrauß, ohne Pralinen, nicht mal eine Kleinigkeit, die er mir schenken wollte oder mochte, da freut man sich doppelt, wenn ein wundervolles Herz aus Speckstein ganz in rosa den Besitzer wechselt, eines, dass ER mit den eigenen Händen für MICH gefertigt hatte. In der Psychiatrie, so liebevoll. Dann hielt ich mit meinen Gedanken Inne. Rasend fliegen sie mir durch den Kopf. Ist es nicht so, dass Er dieses Jahr in der Psychiatrie getadelt wurde, nicht an den angebotenen Anwendungen teilgenommen zu haben? Man hatte ihn mehrfach dazu aufgefordert, es blieb ohne Erfolg seinerseits. Ich denke weiter. War es nicht so, dass er bei der Neueinstellung des Pflegegrades extra die Stimme verstellt hatte, um höher eingestuft zu werden? Ich hatte ihm im das Telefon an das Bett gereicht und beim Weg gehen den Kopf geschüttelt, weil seine Stimme plötzlich so mikrig klang, fast nicht hörbar, zudem atmete er schwer. Nach dem Auflegen war sein Zustand, seine Stimme wieder normal, das schwere Atmen verschwunden. War es nicht so, dass er im vorigen Jahr die Einweisung in die Psychiatrie in Anspruch genommen hatte, kurz nachdem ich von der OP an meiner Radiusfraktur nach Hause kam und mir eigentlich nicht mal die Unterhose hoch ziehen konnte? Man war ich da sauer, ich fühlte mich massiv im Stich gelassen. Von ihm. Ich überlege, wie viel Geld durch das Krankentagegeld zustande gekommen sein musste, mir stockt der Atem! Es ist nahezu die Summe, die ich für die Beerdigung gebraucht habe. Zumindest den allergrößten Teil davon. Ich sitze eine Weile bewegungslos am Rechner und starre auf meine Tastatur. Die ersten Tränen klatschen auf die Buchstaben der Tastatur, ich schniefe hörbar die Nase hoch und kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. Soll das alles ein Zufall sein? Oder war und ist es bis auf das Kleinste bewusst geplant und durchgeführt worden? Die Puzzleteile passen nur zu gut zusammen. Ich weine. Nach einer Weile, nachdem ich mich etwas beruhigt habe, kann ich meine Gedanken weiter auf das Papier bringen. Die Nase schnieft immernoch. Ich fange an, in meinem Kopf zu sortieren. 


© Susann Krumpen

Dienstag, 8. September 2026

Witwenrente - Fluch oder Segen?

Ich reiße den Umschlag auf und entnehme mit zittrigen Händen den Inhalt des Umschlages. Rentenversicherung. Das Anschreiben - keine Zahlen. Erstmal weg damit, ich blättere und blättere und dann das! Ich schaue auf die Zahlen und begreife nicht. Was ist das für eine Summe? Wie kommt das zustande? Ich brauche einen ganzen Moment, um die Buchstaben und Zahlen aneinanderzufügen und um zu begreifen, dass dort viel mehr steht, als ich erwartet hatte! Meine Güte! Ich hatte mit einem kleinen Teil seines geringen Einkommens gerechnet, er bekam nicht einmal die Mindestrente. Jetzt sollte das fast genausoviel ausmachen, wie seine Rente selbst? Es musste ein Rechenfehler vorliegen, mein Kopf hämmerte. Ich konnte gar nicht glauben, dass diese Sechshundert Euro zu mir gehören sollten. Ich stürzte förmlich zu den Kopien der eingereichten Unterlagen, hatte ich  vergessen die Einkommenssteuer anzugeben? Nein, alles eingereicht. Wie sonst hätte der Bescheid endgültig zustande kommen sollen? Ich begriff nicht, was und warum es so viel sein sollte. Ich hatte mit einem Drittel von dem Betrag gerechnet und mit dem hätte ich mich damit ausgesöhnt oder abgefunden. Aber das? Natürlich weiß ich, dass, wenn ich mehr verdienen sollte, die Witwenrente auch gekürzt werden wird. Aber hey, wenn ich in den Ruhestand gehe, so werde ich darauf zählen können, vorausgesetzt ich heirate nicht. Unglaublich! Ich kann es immer noch nicht fassen. Hoffentlich wird diese Nacht nicht wieder so schlaflos, wie die Letzte. 


© Susann Krumpen

Von Sternschnuppen und geheimen Wünschen

 Ich sitze noch bei einem Glas Holunderbeersaft im Liegestuhl und denke über die Begegnung mit meinem Nachbarn nach, der sich Tomaten und eine Paprika von der anderen Nachbarin geholt hat, obwohl er und seine Frau behauptet hatten, dass sie selber genug hätten. Sie gießen dort die Tomaten, während der Abwesenheit. Ich frage mich, ob das Absicht war oder sie die Erlaubnis dazu hatten? Ach, so denke ich, wirf den Gedanken über Bord, was geht es mich an. Ab ist ab. Sollen doch alle denken, was immer sie wollen. Und ich schaue zum Himmel, die ersten Sterne leuchten schon dort. Es ist nach 21 Uhr. Da! Was war das? Eine Sternschnuppe, ein Komet? Ich schaue dem Streifen, der soeben vom Himmel flog hinterher. Langsam kommt ein Lächeln in mein Gesicht. Ja, das Lächeln ist selten. Gerade jetzt. Aber dennoch. Ich vergrabe mich nicht und frage mich, ob das Hinterherwünschen noch gilt. Schnell habe ich einen geheimen Wunsch parat. Den ich leise ausspreche, damit die Engel ihn in den Himmel mitnehmen können. Er soll sich ja auch erfüllen. Hoffentlich haben sie schnelle Flügel! 


© Susann Krumpen

Montag, 7. September 2026

Mein Haus - Dein Haus - Unser Haus

Die Nachbarin kommt mit ihrem dreijährigen Sohn, der offensichtlich ein paar Glaskugeln beim Spielen in meinem Garten mitgenommen hat. Sicher, nicht Absicht. Kinder dürfen verspielt sein, müssen sie sogar. Ich hatte ihnen erlaubt, ein paar blaue Trauben aus meinem Garten zu holen, nachdem sie mich gefragt hatte, ob sie welche haben können. Dieses Jahr hätten sie keine. Ich möchte nicht nachtragend sein, aber vor einem Jahr hat sie Süßkirschen irgendwoher geholt und mir im Vorbeigehen davon erzählt. Dann habe ich bemerkt, dass ich in diesem Jahr wohl keine Süßkirschen haben werde. Sie antwortete ziemlich trocken: "Na dann hast du nächstes Jahr wieder welche" Nicht wegen der paar Kirschen, die ich auch selber irgendwo pflücken könnte. Es zeigt den Charakter eines Menschen, die nur kommen, wenn sie was haben wollen. Und das ist so eine Person. Vielleicht haben sie nicht genug Schicksal erlebt. Und als sie so ungefragt auf meiner Wiese saß, während der dreijährige Sohn suchen sollte, fragte sie doch, was ich mit meinem Haus machen wolle, ob ich hier bleiben wolle. An meiner Nicht - Reaktion merkte sie doch recht schnell, dass ihre Frage nicht angebracht gewesen war. Sie entschuldigte sich mit den Worten " Ach ist mir nur so rausgerutscht" Ja von wegen! Fast jeder im Ort hat mich auch schon gefragt, ob ich hier bleibe, einige fragten sogar, ob ich mein Haus schon verkauft hätte. Ich sage es mal so, es scheint ja ein sehr begehrtes Objekt zu sein. Ein kleines Haus, ein ebenso schöner Garten mit mehreren Sitzecken, einer Terasse, die mein Mann noch selbst erbaut hat. Ich denke im Moment, wo soll ich mir mein Zelt aufschlagen, damit ihr zufriedene Antworten bekommt? Oh es steckt so viel Tiefgründigkeit in dieser Frage, die mich doch zum Lächeln bringt. Bloß kein falsches Mitleid, die Erben warten schon, denn das Testament ist noch nicht eröffnet. 


© Susann Krumpen