Neugierig? Na dann mal los!

Samstag, 29. August 2026

ER hat mich im Stich gelassen - oder gibt es noch Wunder - ein Heißluftbalon

 Ich stand auf, heute Morgen. Meine Gedanken hängen noch an diesem einen Satz, der meine Seele komplett zerstören würde, würde ich nicht irgendwie handeln. Das echte Wunder wartete schon draußen auf mich. Ich nehme, wie gewohnt, ein paar Nüsse für die Krähen mit. Sie sollen auch an diesem Morgen nicht leer ausgehen. Der Himmel ist grau, die Wolken brechen auf, so dass die Sonne heute ein Kleid von flauschiger Watte trägt, ihre Strahlen erstreckten sich hier und da, als würden sie mich und die ganze Welt umarmen. Ich scheine davon zunächst nichts mitzubekommen. Ich laufe und laufe, spüre kaum meine Füsse. Lasse die Nüsse aus meiner Hosentasche am Straßenrand fallen und beobachte, wie die Krähen danach kommen, um sie aufzunehmen, beim Umdrehen sehe ich, dass sie verschwunden sind. Manche Tage fliegen sie so nah und tief um mein Gesicht und um mich herum, dass ich meine, sie wären kurzsichtig und können nicht richtig sehen. Dabei sehen sie sogar sehr gut, ich spüre den Luftzug von ihren Flügelschlägen. Auch wenn sie sich hinter mir von den Bäumen herablassen, um das Futter aufzunehmen spüre ich ein Surren, sehe je nach Sonnenstand auch ihre Schatten. Es erfüllt mich mit Freude und innerer Zufriedenheit. Es ist pures Glück. Heute früh aber war ich mit meinen Gedanken bei diesem einen Satz und viele Fragen, die sich in meinem Kopf versuchen fest zu setzen. Ich bekomme kaum noch Luft, fühle mich regelrecht erdrückt, von diesem Gedanken, dass ER mich im Stich gelassen haben soll. Ich hebe meinen Kopf und will gerade ansetzen, Luft zu holen, bleibe wie gebannt stehen. Ein Heißluftballon am Himmel, weit entfernt und doch ziemlich deutlich sichtbar. Der Ballon blaugrau, fast wie die Wolken, die am Himmel zu sehen sind. Ich stehe am Straßenrand und hole tief Luft. Erst jetzt verstehe ich. ER ist an mir vorbeigefahren, ja er ist es! Ich winke wie verrückt, in der Hoffnung, dass er mich sieht. Der Balon fährt weiter und weiter, bis er nur noch einen Punkt am Himmel ausmacht. Ich höre gar nicht auf zu Winken. Endlose Tränen rinnen über mein Gesicht. Oh Jupp, du hast nach mir geschaut, du wolltest mir sagen, dass du mich liebst und ich nicht alleine bin. Was für ein Wunder, was für ein Glück! Den heutigen Morgen werde ich nie vergessen. Der Gedanke, dass du mich im Stich gelassen haben könntest, war restlos aus meinem Kopf verschwunden, meine Seele kann wieder Atmen. Ich fühle mich schlagartig besser. Sämtliche Zweifel sind ausgeräumt. Zuhause mache ich mir einen Milchkaffee mit viel Zucker, sitze draussen im Garten, während ich meinen Kaffee trinke und hänge diesem Gedanken nach. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht.


© Susann Krumpen

Freitag, 28. August 2026

ER hat mich im Stich gelassen - oder gibt es noch Wunder Teil 1

 Das zufällige Gespräch heute mit einem Kunden. Er brauchte Einzelteile für eine Lampe und ich bat ihn darum, Bilder per Whattsapp hoch zu laden, was er offensichtlich auch tat. Im Gespräch erwähnte ich, dass ich zum Heraussuchen etwas Zeit brauche, weil ich das Geschäft alleine führe, da mein Mann gestorben sei. Ich erwähnte beiläufig, dass er den Weg selbt gewählt hatte. Warum ich ihm das erzählte, weiß ich heute eigentlich nicht mehr. Die Stimme am anderen Ende wurde einen Augenblich lang still. Dann aber bemerkte der Kunde, der offensichtlich der Stimme nach ein Mann mittleren Alters zu sein schien. "Er hat Sie im Stich gelassen" tönte es duch das Telefon. Ich rang nach Luft. Fand den Gedanken unerhört, wollte etwas erwiedern, tat es aber nicht. Der Kunde wiederholte diesen einen Satz mindestens noch zwei Mal, ich rang nach Luft und antwortete nicht, sondern versuchte das Gespräch auf die Zusammenstellung seiner Lampe zu lenken. Ich konnte an dem gesamten Abend an nichts anderes mehr denken. Hatte mich Jupp wirklich im Stich gelassen ? War es wirklich so, dass er sich eingerollt hat und einfach verschwunden war? Ich spürte Wut. Warum? Schrie es plötzlich in mir! Warum hat er das getan? Es tat sich mir eine völlig neue Perspektive auf. Nicht die, in der ich gerade gestern noch dachte, er wäre aus dem Leben gegangen, um mich zu schonen. Nein, bei Weitem nicht. Es zeigte sich plötzlich die hässliche Fratze von einem Menschen, den ich doch glaubte zu lieben. Die Sanftheit verschwand, ein schwerer Schleier legte sich über mein Gemüt, es schien, als hätte der eine Satz mein Leben vergiftet. An Schlaf war an diesen Abend nicht zu denken. Ich lag im Bett und der Gedanke übernahm völlig die Kontrolle über meine Seele, es kam mir vor, als hätte jemand Farbe in den Fluss gekippt. Plötzlich fühlte ich mich angreifbar. Ich grübelte und grübelte und in meinen Gedanken kamen frühere Situationen zum Vorschein, in denen Jupp sich durch das Leben larviert hatte. Der Satz sollte sich bestätigen, oder doch nicht? Hatte er keine einzige Ecke unseres Hauses finden können, wo er sich verstecken konnte? Hatte er gedacht, ich würde ihn finden und mit Mitgefühl und Trost einwickeln, wie einen kostbaren Diamanten? Ist er deshalb diesen Weg gegangen, damit ich keinen Zugriff mehr zu ihm finden sollte? Es war schwer zu verstehen, was sich für absurde Gedanken in mir abspielten. Ich selbst verstand gar nicht, was dieser eine Satz in mir anrichtete. Und ich fing an zu spüren, dass er drohte, meine Seele zu zerstören. Das Vertrauen war infrage gestellt. Am Morgen wachte ich schweißgebadet auf, ich hatte kaum Kraft aufzustehen, Tränen rannen mir über das Gesicht. ich beschloss erstmal eine kleine Runde raus zu gehen, um frische Luft zu schnappen. Dann geschah das echte Wunder...


© Susann Krumpen

Dienstag, 25. August 2026

Danksagung oder Karten?

 Ich öffne die Tür, nachdem es geklingelt hatte, die Bestatterin steht draußen und ich bitte sie herein. Auf Nachfrage mache ich ihr einen Kaffee und wir essen zusammen Kuchen, den ich schon bereitgestellt hatte. Die Atmosphäre locker. Wir reden. Den Text für die Danksagung hatte ich mir schon vorher überlegt, ich reiche ihr das beschriebene Blatt rüber. Allein die Ausgestaltung ist für sie noch wichtig, ich wähle einen schlichten Baum. Die meisten Menschen bekommen letztendlich eine Karte in Form einer Taube, die man an das Fenster hängen kann. Für alle Anderen die Danksagung in der öffentlichen Zeitung. Mehr als 20 Karten habe ich dann auch nicht. Und schon stolpert man in die Falle, in die wohl andere Menschen vor mir gestolpert sind. Die Geldzuwendungen aus den Trauerkarten werden sowieso dafür verwendet, um die Danksagungskarten zu kaufen und zu versenden. Ich persönlich sehe es einmal so: Wenn jemand stirbt, dann habe ich eine Trauerkarte, die mir ansprechend erscheint und lege einen bestimmten Betrag mit dort hinein. Irgendwann, und die Leute merken sich das, bekommt man den selben Betrag wieder zurück. In der Trauerkarte für seinen Angehörigen. Die Bestatterin und ich essen Kuchen, der regenbogenfarbig ist und wunderbar schmeckt. Wir plaudern über dies und das. Sie möchte wissen, wie die Urnenbeisetzung gelaufen war. Und ich habe ihr erzählt, wie und was dort statt gefunden hat. Im Nieselregen, schön und ergreifend war es. Wir haben ihm sogar 2 Zigaretten und 2 Kaffeebohnen mit auf den Weg gegeben. Es ist ein tröstlicher Gedanke, es endlich abgeschlossen zu wissen. Ich erzähle ein wehnig über das gelebte Leben mit Jupp und sie lächelt. Zum Abschluss frage ich sie, ob sie eine, von den Karten haben möchte. Sie bejaht und nimmt eine mit. Die Tauben kann man sich schön an das Fenster hängen. Eigentlich benötige ich die öffentliche Danksagung nicht, aber für alle Fälle und damit sich hier in der Gegend auch niemand auf den sogenannten Schlips getreten fühlt... Mission erfüllt. So wie ER war, schlicht und einfach. 


© Susann Krumpen

3 Tage nach der Trauerfeier - Gedanken zum Überleben

Seit gestern bin ich zuhause. Ich fühle mich nicht gut. Es gibt Momente, in denen ich nur da sitze, und im Büro vor mir hin starre, ins Leere. Mein Kopf will dann auch nicht mehr arbeiten. Heute bin ich erkältet. Seit 21 Jahren, und darüber hinaus hatte ich nichts dergleichen, ich war immer im Lot. Aber jetzt? Jeder, dem ich begegne, will nach Möglichkeit wissen, wie es war, wie es abgelaufen ist. Sensiationspresse. Einige Karten zum Verteilen liegen noch hier auf dem Schreibtisch und warten darauf, an den richtigen Absender gebracht zu werden. Der Berg von Unaufhörlichem scheint im Moment unüberwindbar. Heute früh war ich zur Physiotherapie, totale Verspannung in den Schultern. Ich rede da nie viel, versuche mit den Übungen mitzugehen, um das Maximalste aus der Behandlung herauszuholen. Ich habe gerade 6 Termine, von denen sicher schon 3 benutzt worden sind. Nach den jeweiligen Behandlungen scheint es mir etwas besser zu gehen. Ich möchte so Vieles, die Kraft reicht gerade mal, um den Tagesablauf zu gestalten und sich hin zu legen. Ich bin enttäuscht, möchte, dass der Zustand aufhört, weiß aber nicht, was ich tun soll. Deshalb versuche ich so weiter zu machen, wie bisher. Den morgigen Dienst beim FairTeiler habe ich abgesagt. Ich schaffe es schlichtweg nicht. ..


© Susann Krumpen



Samstag, 22. August 2026

Tag der Trauerfeier

Wir fahren früh los, kurz nach sieben. Die Urne, die sich noch m Karton befindet, wird angeschnallt, dazu kommen die Stiefel, das Bild von meiner Schwester, ein Halstuch, der Hut und der ewig stinkende Schal. Ein Schal, den er täglich getragen hatte, der derart nach Zigarettenqualm stank, dass man es beihnahe nicht mehr ausgehalten hatte. Die letzte Fahrt auch für ihn. Dazu kommen, ein Kisten Getränke, die Pappbecher, Servietten, eine große Schüssel Kekse und die gebackenen Windmühlen aus Blätterteig von einer Bekannten, die sie mir noch gestern Abend gebracht hat. Sie haben uns gestern schon geschmeckt. Gefüllt mit Erdbeermarmelade. In einer Weihnachtsschachtel. Ich fand es irgendwie süß! Losgefahren, die bekannte Strecke. Auch unterwegs hatte mein Sohn sein Handy und meinte, er müsse mir sagen, wo ich hier lang muss. Ach, dachte ich, was meinst du, wie oft ich die Strecke in den 21 Jahren gefahren bin? Ich kene sie quasi mit verbundenen Augen. Und dann ist der Ort, zu dem wir kommen auch ein Stück Heimat, ich kenne es, wie man so sagt, wie meine eigene Westentasche.  Angekommen, war meine Schwester schon da. Ich weiß nicht, wie lange sie hier vor Ort gewartet hatte. Ich stieg aus, obgleich ich mir damit Zeit ließ, es war noch eine dreiviertel Stunde Wartezeit und es war empfindlich kalt an diesem Morgen. Nieselregen. Schirme waren am Ende genug da. Nach der Begrüßung kam meine Tochter, ihr übereeichte ich die Blumen, die für Gabi vorgesehen gewesen sind, sie freute sich riesig darüber. Leute kamen, stiegen aus, begrüßten wieder andere. Jupp seine Familie, sein ehemaliger Schwiegersohn, der Schwager von Jupp seiner Tochter nebst Frau, eine ehemalige Angestellte, wie es mir schien, seine Exfrau mit Mann, die Enkeltochter mit Freund. Vielleicht überschlagen 22 Leute. Die Försterin kam. Sie nahm die Urne, fragte nun aber, ob jemand anderes die Urne tragen möchte. Meine Schwester, die mit ihrem Auto schon ein Stück des Weges hin gefahren war, nahm als erste die Urne, ich war mir nicht ganz schlüssig, mein Gefühl sagte mir, dass ich ihn ja schon über Jahre getragen hatte. Nach einer Weile, nahm ich die Urne und trug sie. Vielleicht aus Scham, vielleicht auch deshalb, um ihn ein Stück des letzten Weges zu begleiten. Sie wog etwa 2 Kilo. Dann reichte ich sie weiter, an seinen Sohn, als ich mich noch einmal umdrehte, trug sie seine Tochter. Insgeheim spürte ich ein inneres, zufriedenes Lächeln. Ja, dachte ich, ihr sollt auch mal sehen, wie schwer so ein Mensch selbst nach dem Tode ist. Aber etwas anderes schien ich zu spüren. Seine Seele ging neben mir und versuchte mir Trost zu spenden. Noch nie in meinem ganzen Leben habe ich so etwas erlebt. Angekommen, las ich vor, wie es weitergehen sollte. Der Text eine Mischung aus, "Wir haben uns versammelt..." und " Nachhher am Andachtsplatz, Kaffee und Kuchen..." Tränen flossen mir über das Gesicht,während ich versuchte zu reden, es war nicht einfach, ein paar Worte zu sagen. Ich zitterte, während ich vom Zettel ablas, steckte dann aber den Zettel in die Hosentasche, die letzten Worte kamen mir von selbst über die Lippen. Dann sprach auf mein Nicken die Enkeltochter, den Text kannte ich schon von der Gedenkseite. Sie sprach darüber, dass sie ihren Oa seit 2 Jahren nicht mehr gesehen hatte. Ich musste meine Gefühle zurück halten, es war eine Mischung aus Genugtung, Wut und Mitgefühl. Ich versuchte bei mir zu bleiben, mit meinen Gedanken. Die Urne wurde herabgelassen und wir versenkten unsere Spruchbänder, einige weiß-blaue Blütenblätter und 2 Zigaretten und 2 Kaffeebohnen. Dann wurden Becher ausgeteilt, alkoholfreier Sekt eingegossen. Wir stießen mit den Bechern auf das gelebte Leben an und den letzten Schluck gossen wir in das Grab. Die Stelle wurde verschlossen. Und wir gingen im stömenden Regen, der mittlerweile eingesetzt hatte, zum Andachtsplatz. Zum Glück war er unterdacht. Zumindest teilweise. Kaffee, Kekse und Kuchen wurde verteilt, gegessen, geredet und auch geweint, geschwiegen. Eine ziemlich harmonische Stimmung. Nach einer Weile war alles abgeräumt, einige Leute schon verschwunden und wir blieben übrig, gingen zum Auto. Ich war durchgefroren, mein Sohn weinte immernoch. Ich umarmte ihn. Meine Tochter und mein Sohn wollten zusammen fahren, sie redeten noch am Auto, ich verabschiedete mich von Ihnen. Hatte aber zeitgleich ein schlechtes Gewissen, sie so alleine los gehen und fahren zu sehen. Meine Schwester bemerkte, dass sie doch erwachsene Menschen seien, sie selbst hat keine Kinder. Denn eigentlich wollte ich meinen Kindern Geld für ein gemeinsames Essen oder Imbiss mitgeben, tat es aber dann doch nicht. Auch meine Tochter meinte, ach Mutti lass doch. Ich wusste in meinem Herzen, dass sie alles bezahlen würde und der Gedanke daran machte mir die Seele schwer. Ich fuhr endlich los. Zu meiner Mutter. Ich denke, auch wenn es bei ihr nicht immer schön und oft unreflektiert zugegangen ist, sie ist und bleibt immerhin meine Mutter. 


© Susann Krumpen

Freitag, 21. August 2026

Zwischengedanken Blumenschmuck

 Gerade aus dem Blumenladen gestolpert habe ich zwei Sträuße in der Hand, die mir eigentlich nicht wirklich gefallen. Ja, Blumen sind Blumen, aber das kann ich nicht wirklich empfehlen, wo die Sträuße im Nachbarraum gemacht werden, ohne, dass man sieht, was da rein kommt. Gut, nun habe ich sie. Lila, wie gewünscht mit fast keinem Weiß und noch wehniger Grün. Schade. Und ich wette, dass jeder der Sträuße mindestens 30 Euro kosten wird, weil es für die Urnenbeisetzung ist. Kauft man die Sträuße nur mal so, dann sind sie weitaus günstiger zu haben. Ich habe noch keine Rechnung, aber alleine die 2 Töpfe Blüten, die ich morgen mitnehme sollen 120 Euro kosten, ich frage mich, wie der Preis zustande kommt. Genau genommen zahlt man nur für das Gefühl, alles gut und richtig gemacht zu haben. Im Prinzip ist die Farbe und Art ziemlich egal. Ich wollte weiß - blau. Aber im Prinzip eigentlich schon egal. Die Illusion zahlt man mit. Ich bekomme im Geschäft noch zu erfahren, dass allein der Urnenschmuck, der jetzt noch auf meinem Hof liegt, vor sich hin trocknet und langsam unansehlich wird 590 Euro kosten sollen. Schulterzucken. Keine Blume der Welt ist so teuer, aber wenn es um das Leid der Menschen geht, ist es gefühlt Abzocke. Ich erinnere mich einmal an unsere Hochzeit. Dort war ich zum Schminken am selben Tag im Kosmetikstudio. Lidschatten, Rouge, Lippenstift ( den ich heute noch habe und der noch immer nicht alle ist) 78 Euro. Ich war ziemlich geschockt, über solche Preise. In der Zwischenzeit ist Leben vergangen, um genau zu sein 21 Jahre. (Mein Lippenstift ist demnach nostalgisch) Und ich bin selbstständig, habe also verstanden, dass alles bezahlt werden muss, aber dennoch. Die Preise heutzutage. Und doch wird man es wieder genauso machen, weil die Welt sich weiterdreht und die Hinterbliebenen in der Regel froh sind, dass sich einige Dinge ohne ihr Zutun regeln und es Ihnen abgenommen wird. Dienstleistung eben. In der Zeit der permanenten Überforderung...Ich verstehe es sogar.


© Susann Krumpen

Urnenbeisetzung - 1 Tag vorher

 Bis eben wusste ich noch, was ich schreiben wollte. Eigentlich. Den Haustürschlüssel habe ich bei der Nachbarin abgegeben. Ich fahre morgen zur Urnenbeisetzung. Und übernachte bei meiner Mutter. Bis Montag früh, wenn es gut läuft, bis Sonntag Abend, wenn nicht. In einer Stunde etwa soll ich meinen Sohn vom Bahnhof abholen. Ein wenig Schiss habe ich davor, eigentlich nur deshalb, weil ich ihn als absoluten Narzissten wahrnehme. Obwohl sich sein Verhalten, gemessen an den Jahren zuvor schon enorm verbessert zu haben schien. Vor Jahren nahm ich mir immer eine Unterkunft, um ihn zu besuchen, da schafften wir es nur punktuell (zu einem gemeinsamen Essen in einem Caffee oder Ähnlichem) zusammenzukommen. Heute geht es auch mal am Stück. Aber nicht mehr wie 2 Tage, dann läuft bei Ihm alles auf Hochtouren und das Fass über. Er braucht ein Ventil, um weiter zu funtionieren. Bei mir hat er das nicht, deshalb der Angriff vor ein paar Tagen, ich sehe das in der Zwischenzeit reflektierter. Es hatte nichts mit der derzeitigen Situation, oder nur punktuell was mit mir zu tun. Überforderung und alte Wunden, die jeder von uns hat. Aber zurück zum Geschehen. Zum Mittag bringe ich das übriggebliebene Fleisch und die Würstchen zur Feuerwehr. Ich benötige das nicht, möchte es auch in keiner Weise vergütet haben. Denn hier geht es Hand in Hand. Ich werde das Gefühl nicht los, dass genau die Leute etwas für einen tun, die sowieso schon genug mit sich zu tun haben, mit sich herumtragen. Irmgard hatte mir gestern Goulasch gebracht, damit ich heute etwas zum Mittag habe. Das kommt mir sehr entgegen. Irgendwie. Obwohl ich mir gestern Fisch gekauft hatte, freue ich mich schon! Karen bin ich gestern noch mit dem Auto begegnet. Sie backt für morgen die Plätzchen, ich finde das total nett und überhaupt nicht übergriffig. So muss ich mir keine Gedanken um so etwas machen. Getränke habe ich noch, die ich für morgen verwenden könnte. Ich denke darüber nach, ein paar Worte auf der Urnenbeisetzung zu sprechen. Was soll der Inhalt sein? Organisatorisches, oder doch mehr? Es wird mir einfallen. Dann hatte ich den Versicherungsfritzen gefragt, ein langjähriger Freund von Jupp, ob er nicht zu dem ehemaligen Freund von Jupp, also Sven eine Verbindung herstellen könnte. ER scheint der Einzige zu sein, der Kontakt zu ihm hatte. Immerhin wusste er, dass Sven in Europa mit dem Fahrrad unterwegs sei und sie im Sommer noch telefoniert hatten. Vor ein paar Tagen hat der Versicherungsfritze behauptet, dass Sven sein Handy nicht abgenommen hätte. Ich bat darum, eine SMS zu senden, er antwortete, ich habe bis Samstag zu tun, ich kann nicht helfen. Oh mann, ich war so nah dran! Wo ist die Menschlichkeit nur geblieben? Ich nehme es gelassen und frage gar nicht mehr, wünsche ihm eine schöne Zeit. Ich fange an, los zu lassen, nicht mehr hinterher zu laufen, auch wenn sich das eben Geschriebene für den Leser anders anfühlt. Jede Veränderung braucht seine Zeit. Ich habe hinter die Fassade geblickt, zwischen den Zeilen gelesen. Vielleicht bricht irgendwann der Stolz ab, fällt die Krone, stürzt der Thron, auf dem manche Menschen sitzen. Ich bin sicher, dass es so sein wird. Meine Mutter kommt nun doch nicht zur Urnenbeisetzung. Sie kann nicht. Erst hat sie so ein Trara daraus gemacht und nun? Ja. Ich bin auch hier nicht erstaunt, oder gerührt. Ich empfinde nur Mitgefühl und erzähle ihr, dass es absolut nicht schlimm ist, wenn sie zuhause trauert. Ich weiß, dass sie IHN, meinen Mann heimlich geliebt hat. Sie ahnt nicht, dass ich es weiß. Und damit sie sich nicht verrät, bleibt sie zuhause, bei ihrem Schmerz, ihrer Trauer. Immerhin habe ich jetzt das Papierschiffchen, welche Jupp immer aus den übriggebliebenen Bonbonpapieren gebastelt hatte für sie und eine kleine Miniurne, die sie sich hinstellen kann und wo sie einen Ort zum Trauern findet. Ich bin nicht wütend, ich habe Mitgefühl, endloses Mitgefühl...


© Susann Krumpen

Donnerstag, 20. August 2026

Konto gesperrt, was tun? - Oder doch alles ganz easy?

 Der Tage hasse ich Post. Besonders, wenn ich Umschläge aus dem Briefkasten nehme. Ich weiß nie, welche Rechnung sich hinter in Umschlägen verbirgt. Dieses Mal 3 Umschläge von der Sparkasse. Oh nein! Denke ich, das kann nichts Gutes sein. Bestimmt das gemeinsdame Konto gesperrt, geht es mir durch den Kopf. Ich reisse mit zitternden Händen die Umschläge auf. Oh, Glück gehabt! Nur neue Bankkarten, unsere laufen ab. Aber da, der Name von meinem Mann steht auf der Einen. Ich greife zum Telefon, zögere, aber wähle trotsdem. Als eine Stimme ertönt, möchte ich auflegen. Zu spät. Ich erzähle, dass mein Mann gestorben sei und weiß im Hinterkopf, dass meine Aussagen nicht wieder rückgängig gemacht werden können. Gut, vielleicht muss es so sein. Ich lasse es geschehen. Ärgere mich aber gleichzeitig. Nach dem Telefonat mache ich das Online Banking auf und übertrage die letzten 180 Euro, die auf unserem gemeinsamen Konto sind, auf mein Geschäftskonto. So, denke ich. Jetzt sollen sie mal schauen! Gleich am nächsten Tag meldet sich eine Mitarbeiterin von der Sparkasse, in mir laufen die Nervenbahnen auf Hochtouren. Sie erklärt, dass sie die Sterbeurkunde brauchen und den Nachweis vom Amtsgericht, es liegt ja ein Testament vor, dessen notariell beglaubigte Abschrift bei mir zuhause liegt. Ich zögere. Sie meinte, fahren Sie doch einmal vor Ort, nehmen  Sie Ihre Unterlagen mit und dann geht es weiter. Also fahre ich. Es gibt sowieso kein Zurück mehr. In der Bank ist alles schnell erledigt. Gar keine Wartezeit. Ich kaufe noch ein und fahre nach hause. Angekommen, das Telefon blinkt. Ich bin irgendwie wütend, das es blinkt. Und gehe dran, wähle , es meldet sich eine Mitarbeiterin der Bank. Ach, erklärt sie mir, Sie haben Post , schauen Sie mal online in Ihrem Nachrichtenordner. Den Namen Ihres Mannes habe ich soeben herausgenommen. Ich stutze. Sie erklärt aber munter weiter, dass ich nur noch die unterschriebenen Ausdrucke wieder in der Bank abgeben müsste und dann wäre das alles erledigt. Ich begreife gar nicht so schnell. Alles erledigt? Öffne das Online Banking und siehe da, Jupp steht nicht mehr drin. Gesperrt ist es auch nicht. Mir fällt ein gewaltiger Stein vom Herzen! 


© Susann Krumpen

Mittwoch, 19. August 2026

Ganz in Familie - oder doch nicht? Planung der Urnenbeisetzung Teil 1

 Nachdem ich mit jeder Partei mindestens 30 Minuten telefoniert hatte, waren fast 3 Stunden vergangen. Jedem das Selbe erzählen. Der Eine kann, der Andere nicht. Wieso Pappbecher im Friedwald, warum sind keine Blumen erlaubt, warum feste Schuhe und keine schwarze Kleidung, warum kein koffeinfreier Kaffee, warum, warum, zu viele Warums. Mein Kopf dröhnt, ich habe eine Kopfschmerztablette genommen. Das erste Gespräch mit meinem Bruder, er möchte mit seiner Familie nicht dazu kommen, ich höre mir seine Gründe an, obwohl es nichts zu begründen gibt, und stimme der Sache völlig zu. Mein Inneres sagt mir, wer nicht kommt, ist nicht dabei. Das hat nichts mit Jupp oder mir selbst zu tun. Andere Menschen sehen das anders, das dürfen sie auch. Meine Schwester meinte, sie fände das nicht in Ordnung, hätte es schöner gefunden, wenn wehnigstens der eigene Bruder mit dabei gewesen wäre. Alte Wunden reissen auf. Ich kann es fühlen. Schon im Urlaub hat sie sehnsüchtig auf ihn gewartet, er kam nicht, hatte angeblich Besuch. Ich versuche mich, davon zu distanzieren, obwohl es auch an meiner Seele kratzt. Meine Mutter hat nicht viel Verständnis dafür, dass zur Urnenbeisetzung ehemalige Wegbegleiter, die ich noch nicht einmal oder nur flüchtig kenne oder kannte dazukommen. Sie selber wollte Anfangs nirgends hingehen, nicht zur Trauerfeier, nicht zur Urnenbeisetzung. Jetzt macht sie so ein Trara daraus. Fürchterlich.  Denn ich finde, jeder, ob er sich zu Lebzeiten gekümmert hat, oder nicht, sollte wehnigstens die Möglichkeit bekommen, hier Abschied nehmen zu dürfen. Dabei ist es für mich unerheblich, ob ich die Person gekannt habe, oder auch nicht. Ich merke es deutlich an den Denklücken, die sie hat und dem darauffolgenden Satz" Ja musst du ja wissen, es war ja dein Mann" Und es war nicht nur mein Mann, ER war auch Chef, Kollege, Freund, Nachbar, Kunde, Angestellter Familienvater, Ehemann, Exehemann oder Gefährte von Menschen, mit denen Er in Berührung gekommen war. All das zusammen machte ihn als den Menschen aus, den ich so geliebt habe. Und ich finde es schade, wenn irgendjemand gerade jetzt diese einzige Möglichkeit verpassen würde. Jeder Mensch braucht seinen Seelenfrieden. 


© Susann Krumpen

Dienstag, 18. August 2026

Tage gibts - noch weniger als MF - vs Großstadtschnauze

 Diese Tage sind ruhig, manchmal zu viel. Zu ruhig. Da suche ich Beschäftigung. Und sehe, dass mein Fenster im Büro auch wieder mal geputzt werden müsste. Mein Sohn ist noch da. Wie manche Menschen es schaffen, früh, wenn die WElt noch halb schläft schon mehr als 120 Prozent zu geben. Zu laut, zu viel Machogehabe. Ich mag es nicht, wenn er so tut, als wäre durch seine Aktionen die Welt gerettet. Zuviel heiße Luft. Er will mir zeigen, dass ER der Macher ist, betont ausdrücklich, was ER alles für mich getan hat. Stimmt, er hat geholfen, die Münzen und das Gewehr verkauft. Ich habe ihm einen großteil davon überlassen, zum Einen, weil ich mir irgendwann nicht nachsagen lassen möchte, was ER alles für mich getan hat. Zum Anderen als Test für sein Leben, Er weiß es nur noch nicht. Der umgang mit anderen Menschen steht bei mir auf der obersten Rangliste,  Lebenserfahrung einsammeln, würde ich es nennen. Ich hoffe, er liest dieses Buch mit einem Lächeln im Gesicht. Tränen wären auch okay. Ich mag es aber eher leise. Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, dass leise Menschen viel mehr erreichen können. Sie zertreten wehnigstens kein Porzellan. 

© Susann Krumpen




Montag, 17. August 2026

Drei Tag nach der Trauerfeier - Gedanken am Rande

 Meine Gedanken kreisen nun um die Zeit zwischen den Welten. Wie bedanke ich mich für die Trauerkarten und die finanzielle Zuwendung der Dorfbewohner und der, die anonym geblieben sind? Und was sage ich denen? Ich habe noch keine Ahnung, was da als angemessen empfunden wird. Zwei Tage nach der Trauerfeier ich mich bei der Dorfgemeinschaft für die Ausstattung der Trauerfeier bedankt. Es waren ungefähr oder schätzungsweise an die fünfzig Leute da. Es wurde gegrillt, Salate gebracht, Kuchen gebacken. Die Getränke und das Toilettenpapier bereitgestellt und überhaupt alles, was dazu gehört. Weiße Tischdecken, Blumen (ausser den Tischschmuck den ich extra dafür gekauft hatte) den Kaffeeautomaten aus der Kirchengemeinde, nebst fünf Thermoskannen, die dann doch nicht verwendet worden sind. Ausserdem die Grillkohle, die zwei Grill und Leute, die sich bei dem Wetter bereit erklärt hatten, das Fleisch und die Würstchen zu grillen. Es waren besteimmt 36 Grad im Schatten. All das und noch viel mehr wurde von der Dorfgemeinschaft organisiert und auch eingehalten. ich fühlte mich gehalten. Anders kann man es wirklich nicht ausdrücken. Aber wieder eine Nachricht in die WhattsApp? Mein Gefühl schreit "nein" nicht schon wieder. Es muss auch endlich Schluss sein, mit meinen Belangen. Sie haben wirklich genug getan. Zumal dort schon eine Nachricht "Einladung zum Sommerfest" steht, kann ich da nun nicht nochmal mit einer weiteren Danksagung kommen. Und mir fällt ein, dass sich andere Menschen, deren Angehörige gestorben waren, auch nicht noch einmal extra bedankt haben. Aber mein Gefühl lässt den Gedanken noch nicht los, bis ich es für mich selbst als bereinigt ansehe. Menschen sind eben unterschiedlich. Mir fällt auch ein, dass meine Schwester noch 20 Karten für die Danksagung bereitgestellt hatte. Erst wollte ich sie nicht, weil ich sie unsinnig fand, aber wenn ich so recht nachdenke, warum sollte ich sie nicht verwenden? Es wäre doch etwas schade drum. Andererseits aber kommt ja noch eine Danksagung in die örtliche Zeitung. Ich hatte die Bestatterin angeschrieben, aber sie hat noch nicht antworten können, so wie sich das Verhalten durch die gesamte Zeit gezogen hat. Eigentlich etwas schade, das Gefühl zu haben, dass Fragen nicht zeitnah beantwortet werden können, gerade bei so einem sensiblen Thema. und noch etwas geht mir durch den Kopf. Die Urnenbeisetzung im Friedwald steht bevor. Am Samstag.  Eigentlich habe ich davor keine Angst, aber ich überlege, ein paar Worte zu sprechen und frage mich, wie das ablaufen könnte. 


© Susann Krumpen

Freitag, 14. August 2026

Tag der Trauerfeier - Kapelle und Trauerrede

 Gemeinsam zum Friedhof, alles scheint um einen herum still zu stehen. Die Sonne brennt, es sind bestimmt gefühlte 36 Grad. Besser, wie Regen, tröste ich mich in meinen Gedanken. Vor der Kapelle steht die Kondolenzliste, in die sich jeder eintragen kann. Drin sitzen in den hinternen Reihen schon Leute aus der Dorfgemeinschaft. Ich sehe einige Gesichter, kann aber nicht so genau erkennen, wer da gekommen ist. Vielmehr verwende ich meine Aufmerksamkeit dem geschmückten Vorraum, dem Platz, wo der Pfarrer dann die Rede halten wird. Erstaunlicherweise bin ich super zufrieden mit dem, was sie hingestellt haben. Holzklötze, Gräser, die Stiefel, der Cowboyhut und die Urne, die unter dem Halstuch kaum sichtbar gewesen ist. Kerzen in Cremfarben, runde und lange. Eigentlich wunderschön! Ich habe hier im Dorf schon einige Trauerfeiern miterlebt, die Meisten haben Rosen oder Lilien und der Vorraum, schien immer dunkel und dazu leuchteten 2 Große Kerzen. hier war das anders. Mindestans 10 Kerzen in stimmigen Formen und derselben Farbe waren angezündet. Gräser dazwischen gestellt und ein großes Herz aus Sonnenblumen und blauen Blüten, auch der Urnenschmuck. Leise Musik aus einem Westernfilm erklingt. Ja ungewöhnlich, aber wunderschön. Der Pfarrer kommt, begrüßt die Trauergäste. und weil kurz vorher die Sirene der Feuerwehr los gegangen war, nimmt er auch erstmal Stellung dazu. Damit hatte ja keiner gerechnet, dass genau zum Beginn der Trauerfeier die Sirenen angehen. Am Ende stellte sich heraus, dass die vermisste Person gefunden worden war. Die Rede - eher ungewöhnlich. Er sprach darüber, dass Jupp selbst aus dem Leben geschieden war und der Weg für alle nicht leicht sein wird. Er sprach über MF (Mundfaulheit) über den beruflichen Werdegang mit insgesamt 67 Arbeitsjahre, Reitverein und unserer Hochzeitsreise zum Lieferanten unserer Artikel. Ja er sprach auch über das Kennenlernen, bei der ersten Begegnung war der von ihm mitgebrachte Blumenstrauß größer, wie ER selber und die Blumen waren blau gefärbt, man war das hässlich! Ich habe es mit einem Schmunzeln hin genommen. Er sprach auch darüber, dass meine Kinder mir zugeraten haben, ich "solle DEN nehmen" Das tat ich dann auch. und ehrlich gesagt, ich hatte es nicht bereut. Auch wenn er der ewige Arbeitgeber blieb, so hatte er an Würde und Loyalität nicht verloren. Bis heute nicht. 


© Susann Krumpen

Tag der Trauerfeier - Gäste und so weiter

Die Nacht war grauenvoll, ich hatte fast nicht schlafen können und meine Gedanken kreisten nur und immer wieder um den Ablauf der Trauerfeier. Ich stand zeitig auf, an Schlaf so wieso nicht mehr zu denken. Zähneputzen, etwas waschen und direkt zum Kaffeeautomaten. Seit gefühlten 8 Wochen mache ich nichts anderes, wie Kaffee kochen und trinken, Gäste bewirten, Betten beziehen, Essen einkaufen, welches ich im Normalfall nie gebraucht hätte. Meine Schwester, mein Schwager schliefen in meinem Schlafzimmer, dem größten Raum im Haus mit ihrem Hund. Micha schlief in der Stube auf der ausgezogenen Couch und für mich blieb die Besuchermatratze im Büro. Grauenhaft! Der Rücken schmerzte schon früh. Egal, ich musste weiter kommen. Kaffee mit Milch und Zucker war meine Rettung. Frühstück vorbereiten, Brötchen aufbacken, selbst gemachte Marmelade und so weiter. Lust hatte ich nicht. Nach dem gemeinsamen Frühstück warten. Warten auf die Gäste von Jupp seiner Familie, seine Kinder. Nach gefühlten Stunden kamen sie. Sohn und Schwiegertochter, die Enkel, die ich jahrelang nicht mehr gesehen hatte und deren Freunde, die witzigerweise den selben Vornamen trugen. Die Tochter mit Mann aus zweiter Ehe. Kinder gab es da nicht. Insgesamt waren wir dreizehn Leute aus zwei Familien. Man stellte sich vor, umarmte sich. Ich weiß heute nicht mehr, wer mich umarmt, und wen ich eigentlich umarmt hatte. Wir gingen gemeinsam zum Friedhof, zur Trauerkapelle. Die Bestatterin rief an und fragte nach der Musikliste, ich erklärte ihr, dass ich ihr das bereits vor drei Wochen per Mail geschickt hatte. Die Liste selbst hatte ich dem Pfarrer mitgegeben. Das Bild, welches meine Schwester mitgebracht hatte war viel zu klein, Jupp war darauf kaum richtig zu sehen. Na gut, ich muss loslassen, so denke ich. Lass es einfach laufen, ich kann da nichts mehr ändern und es schont auch meine Nerven. Gute Entscheidung.


© Susann Krumpen

Donnerstag, 13. August 2026

Der Tag vor der Trauerfeier - 30 Grad im Schatten

 Natürlich ist es schön draußen, nur nicht für mich. Es ist Badewetter. Früh plus 4 Grad und tagsüber steigt das Thermometer bis über 30 Grad. Ich frage mich, nach alldem, was ich besorgt habe, ob das Grillen in der Mittagshitze noch einen Sinn ergibt und wer sich da bei dem Wetter hin stellen soll. In meinem Kopf sind die Gedanken. Was passiert, wenn wegen dem Wetter keiner kommt? Was wird sein, wenn ich auf dem Grillgut sitzen bleibe? Was ist, wenn alles nicht so sein wird, wie ich es mir vorgestellt hatte, oder wie es geplant gewesen ist? Das Wetter ist die entscheidene Frage. Einige Dorfbewohner haben abgesagt, weil sie angeblich morgen arbeiten müssen. Kann sein, oder auch nicht. Ich will es mal glauben. Aber was ist, wenn... Mein Kopf hämmert. Ich versuche die Tatsachen zusammenzufügen. Moment mal. Es ist Mittagszeit, keiner von denen, die kommen, haben was gegessen, höchstens ein Frühstück. Trotsdem, es ist Mittagszeit. Die Familienmitglieder sind dreizehn Leute, das ist nicht viel, aber auch nicht wenig. Gabi, die das alles hier organisiert hat, hat bemerkt, dass Essen wohl genug da sein wird. Das denke ich auch. Immerhin habe ich 80 Würstchen und 50 Stück Fleisch gekauft. Getränke sollten eigentlich reichen. Die Dorfgemeinde hat gebacken. Kuchen und Kaffee. Der Pfarrer isst auch mit, das ist Tradition, schon mal 14. Na immerhin. Ach, was mache ich mir eigentlich Sorgen, es kommt, wie es kommt. Auch bei der Hitze. Wenn nun Feuerwehrfest wäre, müsste es auch gehen. Und ehrlich gesagt, Hunger und Appetit hat man immer. Nur der Anlass ist dann ein Anderer, das ist der einzige emotionale Unterschied. Vielleicht kann man die Bänke ja auch so stellen, dass ein wenig Schatten darauf fällt. Schauen wir mal, was und wie es kommt. Ich werde womöglich eine schlaflose Nacht haben. 


© Susann Krumpen

Der Abend vor der Trauerfeier - Dorfgemeinschaft

 Als ich zur Feuerwehr kam, waren schon mindestens 16 Leute da, um zu helfen. Sie standen im Kreis und erwarteten die anweisungen von Gabi, die als Disponentin fungierte. Es lief reibungslos. Ich stellte die Tüten mit den Brezen auf den Tisch, die mitgebrachten Getränke wurden in den Vorraum gebracht. Alles da. Die Leute standen im Kreis und diskutierten, wo das Beisammensein nach der Trauerfeier statt finden sollte. Viel zu heiß, für das Wetter, immerhin fast 40 Grad in der Sonne am Mittag. Ohne Überdachung wird es nichts. Einige Ideen waren, das Feuerwehr Auto raus zu fahren und es dort in der Garage zu machen. Da ist es angenehm kühl. So kam es auch. Der Plan wurde in die Tat umgesetzt. die Bänke und Tische pro forma aufgestellt, die Situation durchgespielt. Acht Tische, 12 Sitzbänke und der Vorraum der Feuerwehr fungierte als Abstellmöglichkeit für Salate, Kuchen, Milch, Gebäck und Geschirr jeglicher Art. Es wurde gefegt, gewischt, sortiert und besprochen. Irgend jemand hatte weiße Tischdecken, Blumen und Servietten. Perfekt. Alles abgebaut, das Feuerwehrauto rein gefahren, der Plan stand. Ehrlich gesagt, war ich restlos überwältigt und die Tüte mit den Brezen wurde herumgereicht. Salzig, aber lecker. 


© Susann Krumpen

Nebengedanken - meine Zukunft - oder die Angst zu versagen

 Jede Witwe, dessen Mann nicht allzuviel verdient hat, kennt das Gefühl auf der Strecke zu bleiben, gerade finanziell. Auch ich fühle mich im Moment so. Ausgebrannt, leer, erschöpft. Niemand wird sich dafür interessieren, wie es weitergeht. Ich habe mir vor Jahren schon Gedanken darüber gemacht, was sein wird, wenn Jupp nicht mehr da ist. Durchgespielt. und verdrängt. Jetzt aber ist es verdammte Realität! Ich muss mich bewegen, in alle Richtungen. Was soll das bedeuten, wird der Leser sich fragen? Ich schaue auf das Konto, online. Mehrfach am Tage, in der Hoffnung, dass da noch was kommt. Aber die Warheit ist, es kommt nichts mehr. Die ohnehin schon knappe Rente, die er hatte, deckte gerade unseren sehr sparsamen Tagesbedarf an Nebenkosten. Eigentlich wollte er mich anfangs nicht heiraten, weil er wusste, dass es nicht reichen würde. Aber mir hat es gereicht, an Würde, Loyalität, Liebe. Das war es, was mich reich gemacht hat, ohne je einen Cent zu besitzen und so kam es dann auch. Die Kunden bezahlen derzeit ihre Rechnungen nicht fristgerecht, obwohl ich ihnen Skonto eingeräumt hatte in der Hoffnung, dass das Geld schneller auf dem Konto sein sollte, Fehlanzeige. Die Verkäufe gehen schleppend voran, also stellte ich vor ein paar Tagen einen Lastenausgleich beim Jobcenter, in der Hoffnung, dort etwas Unterstützung zu bekommen. Jeden Morgen schaue ich zuerst in die Bank, um die Eingänge zu prüfen, es gibt nur Abgänge. Der Vorrat an Geld schrumpft merklich und dabei war die Bestattung, die Blumen und alles drumherum noch nicht einmal bezahlt. Die Rechnungen kommen noch. Ich habe Angst, Angst, es nicht zu schaffen. Also fing ich an, mich vorzustellen, in Arztpraxen, in Cafees. Keine Chance, seit dem Unfall und der Operation meines rechten Handgelenkes hatte ich keine wirkliche Chance, eine passende Arbeit in Teilzeit oder an den Wochenenden zu finden. Das foodcharing und die Kleiderkammer waren schon früher meine Rettung und sollten es vorläufig auch noch eine Weile bleiben. Aber tief in meinem Inneren spüre ich, dass es neue Wege geben muss. Die Richtung steht noch nicht fest.


© Susann Krumpen

Mittwoch, 12. August 2026

Familienbande - Rangeleien in den eigenen Reihen - 2 Tage vor der Trauerfeier

 In solchen Momenten zeigt sich, wer mitzieht und wer nur darüber redet, mitziehen zu wollen. Gerangel in der WhattsApp Gruppe von jupp seiner Familie. Es kommen jetzt auch die Schwiegersöhne in spe, wie man so sagt mit zur Trauerfeier. ich bekomme das einfach so übergestülpt. Ohne zu fragen, ob mir das eigentlich passt oder nicht. Ich reagiere (das ist eigentlich die schlechteste Option) mit unverständnis, versuche eine möglichst gangbare Sprachnachricht zu sprechen und fange gefühlt 12 Mal an zu sprechen, ohne den Finger vom Display zu nehmen. Der virtuelle Papierkorb füllt sich. Erstmal Luft holen! Ich kenne die Männer nicht, auch wenn sie schon lange zur Familie gehören. Es ist meine Trauerfeier und kein Geburtstag. Soviel steht schon mal fest. Ich habe Wut und spreche die Nachricht, die ich mir im Kopf zurechtgelegt habe drauf, bemüht ruhig und besonnen zu klingen. Es gelingt mir nicht. Erwähne, dass mir die Leute kein einziges Mal begegnet sind und trotsdem versuche ich Verständnis aufzubringen. Ich merke, dass, von dem was ich zu verteilen habe immer mehr verschwindet, mehr Kraft, mehr Nerven, mehr alles. Ausgenutzt, ausgebrannt. Ich komme mir vor, wie die Witwe, die die Füsse still halten muss, um bloß Niemanden auf die Füsse zu treten, ein indirektes Betteln um die Gunst, um den finanziellen Zuschuss, den sie mir mündlich zugesagt hatten, ich fühle mich erniedrigt und bloß gestellt. Gerade jetzt. Wenn der Leser sich fragt, warum das Ganze, ich schreibe es warheitsgetreu, ohne Schnörkel und ungeschönt, damit Menschen, die sich in einer ähnlichen Lage befinden, lesen können, wie die Welt wirklich zusammengesetzt ist und wie Familien ticken können. Ich möchte trotsdem betonen, dass nicht alle Menschen gleich sind. Es geht bestimmt auch schlimmer. Seine Tochter hat nun endlich die Getränke und das Toilettenpapier gekauft, um was ich sie gebeten hatte. Es gab im Vorfeld einige virtuelle Diskussionen darüber, wer wann einkaufen fährt, dass sie nochmal extra los müssen und dass das Toilettenpapier für eine ganze Kompanie reichen würde. Ich muss gestehen, hatte einfach keine Lust mehr, noch irgendwohin zu fahren, um solche Banalitäten zu besorgen. Alle haben ein Auto und fahren ja nicht durch den Wald. Nach einem längernen Gespräch mit der anderen Seite seiner Familie, war das Mitbringen der Schwiegersöhne auch ausgeräumt. Ich denke, es hat unnötigerweise Nerven und Kraft gekostet. Ich bin gespannt, wie sich die Trauerfeier in 2 Tagen entwickelt. 


© Susann Krumpen

Montag, 10. August 2026

Witwenrente oder doch nicht?

Den Termin beim Versichertenältesten darf ich nicht verpassen. Schon hunderte Male bin ich in der Stadt gewesen und doch muss ich schauen, wo ich heute hin muss. 13 Uhr ausgerechnet. Mir geht durch den Kopf, wie das wohl ablaufen würde. Ich stellte mir vor, ein älterer Mann oder Herr, der mich empfängt und mir einen Platz anbietet. Es kommt anders. Zunächst suche ich in der Nähe des Büros einen Parkplatz und quetsche mich mit meinem Auto auf den Parkplatz genau gegenüber von einem Fleischer. Schön, denke ich, dann kannst du nachher ja einen Mittagstisch für dich mitnehmen und ich studiere, so im Vorbeilaufen die Gerichte und die Preise. Frikassee mit Reis, Linsensuppe. Ich habe Hunger. und mir fällt ein, dass ich nun schon lange kein vernünftiges Mittagessen mehr gehabt hatte. Angekommen, genau 14 Minuten zu früh. Na besser, als zu spät. Gehe rein, und stehe in so einer Art Büro, Verdi. Plakate mit Bildern beklebt, darauf zu sehen sind Menschen auf Demos, Fahnenträger, Solidarität. Jemand kommt von irgendwo aud dem hinteren Teil des Gebäudes und meint, ich wäre viel zu früh. Nehmen Sie doch Platz. Ich finde einen Tisch und Stühle. Es riecht etwas muffig. Nach dem Ablauf der Zeit kommt der gleiche Mann, mitteljüngeren Alters und begleitet mich in den hinteren Raum. Hier ist die Stimmung dunkler, muffiger Geruch. Warscheinlich durch die alten Möbel. Ich schaue ihn an und denke, keine grauen Haare, keine alte Schule. Der ist doch so alt wie ich, oder sogar jünger. Seine Stimme angenehm und doch hat der Tonfall etwas Überhebliches. Na ja, denke ich, wer weiß, wie viele Witwen ihm schon weinend gegenüber saßen. Ich weine nicht. Die ganze Zeit. ich versuche sachlich und distanziert zu bleiben. Er blättert sich durch die von mir mitgebrachten Unterlagen  und Ordner, füllt online die Fragebogen aus. Eine Stunde später ist es geschafft! Endlich raus. Es hatte geregnet. Eigentlich fand ich ihn ganz nett. Sein Händedruck ist auffallend warm und angenehm. Ich gehe fast beschwingt die Straße lang, erinnere mich, mir etwas zum Mittag mitnehmen zu wollen. Fehlanzeige. Ab 14 Uhr geschlossen. Schade, ich hatte mich so gefreut, dann eben nicht. In meinem Kopf Gedankenfetzen, ob er eine Frau hat? Ach Susann, was denkst du dir nur und ich schäme mich fast bei dem Gedanken.  Witwenrente oder nichts? Ich warte es ab. Irgendwas wird ja auf mich zukommen. 


© Susann Krumpen

Sonntag, 9. August 2026

Der Himmel reisst auf - die Welt bekommt Flügel

 Momente des Glücks. Auch wenn sie selten sind. Immer wieder erlebe ich, dass es winzige Momente gibt, in denen ich glücklich bin. Und dann aber, wieder tiefe Traurigkeit. Ein Wechselbad der Gefühle. Und ich erlebe, je klarer ich sehe, was passiert ist, destso besser kann ich damit umgehen und fühlen, wie es gerade ist. Die Menschen im Ort begegnen mir vorsichtig, wissen Eingangs nicht so recht, was sie sagen, oder wie sie sich bewegen sollen. Im weiteren Gesprächsverlauf wird es oft entspannter, oder auch traurig, je nach Gefühl. und ausnahmslos jeder meint, ich würde das so klar für mich sehen. Ja. Das tue ich, sachlich und klar, so wie er mir entgegen getreten war, auf den Weg, den wir gemeinsam gegangen sind. Ich wähle diese Form als Schutz, für ihn und für mich. Niemand soll sagen, dass er zu feige und ich zu schwach bin. Selbst jetzt noch spüre ich unsere ganze Stärke, auch wenn er nicht sichtbar im Raum oder bei mir sein kann. Er hat noch keine Flügel, die bekommt er erst nach der Urnenbeisetzung. Also schwebt er im Raum, breitet seine Arme aus, um mich zu umarmen, so, wie er es früher immer getan hat. Also raucht er eine, obwohl ich im Garten sitze und ihn nicht sehen kann. Aber ich kann ihn fühlen, nah und immer hinter mir stehend, als wollte er sagen: "Du schaffst das , bleib dran" Manchmal aber, wenn so ein laues Sommerlüftchen weht und die Grashalme sich biegen, da überkommt mich so eine tiefe Traurigkeit, so eine tiefe Demut. Und ich schaue in den Garten und spüre den unschuldigen Windhauch auf meinen Armen, als wollten sie sagen, bitte beeil dich, er ist noch am Leben! Lauf! Und ich eile an den Ort, wo seine Seele in den Himmel stieg, die Hülle liegt nicht mehr dort. Mir hat es nie etwas ausgemacht, wie faltig und unrasiert er gewesen ist, die Seele sprach aus seinen glänzenden, wachen Augen zu mir. Sie haben sein Haus, in dem er wohnte mitgenommen und Dünger daraus gemacht, damit das Leben wieder neu beginnen kann, damit der Kreislauf sich schließt. Die Seele ist unversehrt geblieben. Tränen rinnen über mein Gesicht...


© Susann Krumpen

Freitag, 7. August 2026

Erste Therapiestunde - fehlende Sexualität

 Meine erste Therapiestunde bei einer Therapeutin, die Jupp und ich schon von früher kannten. Damals waren wir zur Paartherapie, weil ich in der Annahme war, dass bei uns "nichts mehr läuft" Es ist ja nicht so, dass mein halbes Leben auf Sexualität ausgerichtet ist, aber dennoch, ein Mal in der Woche wird doch noch drin sein, oder? Na jedenfalls sind wir dahin. Jeder mit seinem Gedanken. In der Therapiestunde erfuhr ich seine Motivation, überhaupt mitzukommen. Was mich eigentlich ein wenig gewundert hatte. ER dachte, ich bekomme von der Therapeutn gesagt, dass ich Rücksicht nehmen soll, auf sein Alter, mehr Geduld mit ihm haben müsste. ICH hingegen beklagte den fehlenden Sex. Nur Kuscheln war mir schlichtweg zu wehnig. Na und es kam ganz anders. Die Therapeutin, obwohl um Einiges älter, hat meinem Mann gesagt, dass er endlich einmal mehr Verantwortung in unserer Partnerschaft übernehmen soll. Das saß. Gewaltig. Ein breites Grinsen machte sich in mir breit und blieb bis heute, nachdem er nicht mehr hier ist. Allein seine Seele spüre ich manches Mal ganz nah bei mir und das gibt mir überhaupt die Kraft, hier weiterzumachen. Ich komme bei der besagten Therapeutin an, die nun noch älter geworden ist, ich bin nicht sicher, aber um die 90 ist sie bestimmt. Und sie empfängt mich mit einem zielgerichteten Lächeln. "Hallo, nehmen Sie Platz bitte". Alte Schule, die mir gerade jetzt besonders gut tut. Ich fange an, zu erzählen, bin froh in ihrer Nähe sein zu dürfen und wir reden über dies und das. Mitten drin der eine Satzvon ihr "Frau Krumpen, verstehen Sie, er hat seine Kraft, seine Ressourcen aufgebraucht. Schlichtweg verbraucht. Da gab es nichts mehr, was er ihnen und sich selbst bieten konnte und das hat er gemerkt"  "Nichts ist von ihm übrig geblieben, er hat sich falsch eingeteilt" Ich wusste, dass sie mir das in dieser, oder ähnlicher Form sagen würde, konnte nur nicken, wieder Tränen...


© Susann Krumpen

3 Wochen später - Kaffeemaschine , ach es war so einfach

 Vor ein paar Tagen oder sagen wir mal von Anfang an habe ich mir Gedanken darüber gemacht, wie die Trauerfeier ablaufen soll. Nächste Woche ist es dann soweit. Genau in einer Woche. Eine Dorfbewohnerin, dessen "Freundin" ich angeblich bin, schrieb, es dürfte doch kein Problem sein, siwe würde eine Kaffeemaschine für 90 Tassen besorgen können und die paar Brötchen, die da geschmiert werden sollen, das wäre doch gar nichts. Ich atmete auf. So viel Entgegenkommen hatte ich gerade von der Person gar nicht erwartet. Was ich nicht ahnte, sie tat nach ein paar Tagen so, als wüsste sie von nichts. Tja, ich komme eben aus dem Osten und da wollte sie doch mal zeigen, wie sehr ich die "Freundin" bin, die sie ach ja so liebevoll behandelt.. Nun gut. Ich war kurz enttäuscht, aber ich wusste auch, dass jede Enttäuschung ihre gute Seite hat. zumindest, was diese Frau betraf. Und dabei ist sie ja so gläubig. "Fühl dich behütet" bekomme ich öfters mal per WhattsApp. Was kann ich damit anfangen, nachdem sie mich so fallen gelassen hatte? Ich sah mich um, suchte einen anderen Weg und fand auch einen. Ich bat die Krichengemeinde, mir behilflich zu sein und Zack, ich hatte Erfolg! Somit steht die Kaffeemaschine seit heute bis zum Einsatz bei mir in der Küche. Wenn das mal kein Organisationstalent ist. Ich freue mich total. Es war so einfach. und zudem noch ein gutes Gespräch vor Ort. Und wenn der Tag kommt, dann biete ich der Person mit Freuden einen Kaffee an. Warum nicht. Immer höflich bleiben.


© Susann Krumpen

Donnerstag, 30. Juli 2026

Gedanken zur Dorfgemeinschaft - Kaffeetreffen unterm Kirschbaum

Heute ist Donnerstag, 19 Tage nach Jupps Tod. Da trifft sich ein Teil der Dorfgemeinschaft auf dem Dorfplatz nahe beim Rundling zum gemeinsamen Kaffeetrinken. Seit Tagen überlege ich, ob es angemessen und richtig wäre, dort hin zu kommen. Aus der Kleiderkammer habe ich mich abgemeldet. Ein Teil in mir sagt, komm gib dir einen Ruck, so schlimm wird es schon nicht sein. Du hast es gestern auch zum Fair Teiler in die Kirche geschafft und der Kopf ist noch oben. Ein anderer Teil sagt mir: was werden sie reden, wie werden sie dir entgegentreten? Sind sie still und betroffen und was werde ich sagen? Ich will mich stark machen, wo es nichts zum stark machen gibt. Ich wiege ab und stelle fest, dass es heute besser wäre hin zu gehen, sich "der Sache" zu stellen, obwohl es sich nichts zu stellen gibt. Ich muss mich nicht verstecken, muss nicht so tun, als sperre ich mich selber weg, nur um keine Angriffsfläche zu bieten. Das ist Unsinn. Soll ich was mitbringen? Ja vielleicht was Süßes, dann muss ich  keinen Kuchen backen. und ich komme nicht mit leeren Händen. Es wird nicht einfach sein, heute Nachmittag, aber ich weiß, dass der Weg richtig und auch notwendig ist. 


© Susann Krumpen

Mittwoch, 29. Juli 2026

Der Himmel schickt keine Sonnenstrahlen - 18 Tage danach

 Ich habe Angst. Einfach nur Angst. Vor allen Dingen vor der Zukunft. Schon gestern Abend ging es mir nicht mehr gut. Meine Gedanken traten vom Weg ab und liefen im Kreis. Fragen in meinem Kopf. Was ist, wenn ich ihn nicht mehr habe teilhaben lassen? Immerhin hatte ich all die Jahre immer mehr Aufgaben übernommen, bewusst und unbewusst. Er hat immer erzählt, was für eine tolle Frau er hat. Aber war es denn wirklich so? War es nicht vielmehr so, dass, dadurch, dass ich immer mehr übernehmen musste dann diejenige sein musste, die ihn vom Tisch gedrängt hat? Ihm das Gefühl gegeben hat, nicht mehr dazu zu gehören? Habe ich ihn letztendlich in den Tod getrieben? Habe ich dafür gesorgt, dass für ihn kein Brettchen mehr übrig blieb? Tränen. Ich rufe die Telefonseelsorge an - ein Gespräch, die meine Gedanken wieder ordnet und gerade rückt. und doch, nach dem Auflegen schnellt der stille Vorwurf zurück, wie ein Gummiband, zurück in meinem Kopf. Tränen, immer wieder. Ich hatte ihn aus der Psychiatrie abgeholt, wir sind ein Stück gefahren, zur Tankstelle. und obwohl der Tank fast voll gewesen ist, habe ich ihn das Auto betanken lassen. Er hat sich Süßigkeiten gekauft. Ich habe gelächelt. Aber nun ist er nicht mehr. Alles vorbei - endgültig. Kein Zurück. Ich bleibe zurück und realisiere noch nicht, dass er es war, der sich entschieden hatte, diesen Weg zu gehen. 


© Susann Krumpen

Dienstag, 28. Juli 2026

17 Tage später - Mein Mann war kein Weichei

 17 Tage sind nun vergangen, seit du nicht mehr da bist. Ich gehe durch die Wohnung, schwebe zwischen den Welten, schaue mir abends im Bett Videos an und fühle mich ruhelos und erschöpft. Immer wieder kommen Gedanken, die ich verwerfe, weil sie unnötig sind und mir die letzte Kraft auch noch weg nehmen. Und ich spüre immer wieder ein laues Lüftchen, sehe Gräser, die sich im Wind wiegen, als wäre nichts geschehen. Leute aus der Nachbarschaft kommen, um zu schauen, wie es mir geht und zu erfahren, was passiert sei. Ich bleibe höflich, nehme mir Zeit. Wir sitzen und reden. Immer die gleichen Worte, der gleiche Film. Sogar die Betonung und die Tränen sind gleich. Die Thesen, mit denen sie kommen sind teils abenteuerlich und es hat sowas von "stille Post". Oh, sagt sie: hat er Tabletten genommen? ich erwiedere: nein, er hat sich aufgehängt. Die Worte kommen kühl, trocken, fast trotzig. Und ich denke, du meine Güte, denken die Leute mein Mann war so ein Weichei? Tabletten, dröhnt es in meinem Kopf. Nein, mein Mann war ein Held, ein echter Held. Mein Held. Er hat es getan, wie es echte Cowboys tun, er hat sich aufgehängt. Mein Gegenüber ist erstaunt, ich sehe ihren Blick mit Genugtung. Ja, denke ich, das hättest du nicht gedacht? Er war verdammt kein Weichei. Ich spüre, wie das saß, ohne das sie was dafür konnte. Ich bin traurig. Warum habe ich so reagiert? Ja, ich weiß es, ich wollte nicht, dass seine Würde beschmutzt wird. Niemand soll es wagen, auch nur irgendein Wort darüber zu verlieren, um ihn klein und ängstlich da stehen zu lassen. Ich bin müde. Gerade jetzt. Aber ich versuche, die Wohnung einigermaßen sauber zu halten, jeder Handgriff ist schwer und kostet mich mehr Zeit und Energie, wie zu normalen Zeiten. 


© Susann Krumpen

Montag, 20. Juli 2026

Acht Tage später - Familienbande

 Es ist nicht einfach, so eine Zeit durchzustehen. Gerade in einer Patchworkfamilie. Da gibt es nicht nur Kinder, sondern auch Exfrauen und deren Männer, Exschwiegersöhne, Geschwister, die man Jahre nicht gesehen hat. Kurz gesagt, der ganze Datenmüll, den man überhaupt nicht braucht. Jeder hat andere Vorstellungen und Wünsche, wie es zu sein hat. Und in Zeiten von Sozial Media zählt jeder kleine Post, jedes Bild, jedes Video. Und sei es noch so wehnig, noch so gering. Es wird, was es immer war, zu einer Großartigkeit, zu lebendigem Leben. Erinnerungen werden zu Juwelen für die, die sie nicht haben. Für mich nicht. Ich mag keinen Schmuck. Ich trage im Herzen, was war, was ist und was sein wird. Wie würde es mein Sohn so treffend ausdrücken: Es war mir ein Fest! 


© Susann Krumpen

Acht Tage später - Ich fühl so mit dir!

 Aufstehen, kurz nach 6 Uhr. Ich wanke durch den Flur, mache in der Küche das Licht an. Micha kommt mir entgegen, erschreckt und sichtlich verschlafen, müde. Wir haben Augenringe, unsere Gesichter sehen irgendwie Scheiße aus. Kaffee, Milch ist alle. Scheiße. Anziehen, kurz das Gesicht waschen und dann der Kaffee. Schwarz, heiß mit viel Zucker, weil es keine Milch mehr gibt und dann los. Ich bringe ihn zum Zug. So richtig munter bin ich nicht, funktioniere nur. Hunger Fehlanzeige. Trotsdem habe ich gefühlt zugenommen, soviel Süßkram die letzten Tage. Nervennahrung. Am Bahnsteig eine Durchsage, falsches Gleis. Ins Auto, zurück. Kaum sind wir da, kommt der Zug. Kurze Verabschiedung, ein Danke und ich hab dich lieb, die Tür schließt, der Zug rollt schon. Ich stehe da. Allein. Der Wind ist kalt. Plötzlich. Ins Auto zurück nach Hause. Noch drei Pakete packen, den restlichen lauwarmen, schwarzen Kaffee trinken und dann. Oh die Zeit, ich muss los. Mein Termin in der Psychischen Ambulanz, der für meinen Mann vorgesehen gewesen war. Schaffe ich das zeitlich eigentlich noch? Türen zuschließen, Pakete für den Postboten raus stellen. Losfahren. Es regnet und es ist kalt. Auch Zuhause. Gerade noch rechtzeitig angekommen stolpere ich die Stufen im Gebäude hoch, auch in der Angst, den Anschluss zu verpassen. Ich komme an, Flure in alle Richtungen, ein Rascheln, oder laufender Wasserhahn. Ich gehe dem Geräusch nach und finde eine Person, eine junge Frau in der Küche, die den Blumen in den Vasen wohl frisches Wasser zu geben scheint. Sie dreht sich um, sagt dass ich mich einen Moment hin setzen soll. Die Zeit bis zum Termin ist längst überschritten, ich bin nervös. Auch wütend. Setze mich, in der Hofnung, hier irgendwann oder irgendwie dran zu kommen. ich nehme mir innerlich vor, so lange zu bleiben, bis mich hier irgendwer aufruft oder beachtet. Angestellte laufen an mir vor bei, kein guten Morgen, nichts. In mir kocht es, ich bin enttäuscht. Sehe ein Schild, eher ein Aufsteller mit einem Herzlich Willkommen! drauf. Bunt geschrieben und bebildert. Was es genau ist, kann ich nicht sagen. Die Stimmung rutscht in den Keller. Eine Angestellte kommt mit 2 leeren GLaskrügen und befüllt diese am Wasserspender. Die Frau, die eben noch in er Küche die Blumen sortiert und frisches Wasser gegeben hatte, läuft mit mehreren kleinen Vasen an mir vorbei. Ein Blatt fällt auf den Boden, sie merkt es nicht. Das Büro, in welches sie geht bleibt offen. Sie sitzt an ihrem Schreibtisch und die beiden Bildschirme verdecken ihr Gesicht ihre ganze Emotion. Dann ruft sie mich auf. Ach, sagt sie Sie sind Frau Krumpen? Ich bejahe es. Bitte ihre Versichertenkarte. Ich habe sie schon in der Hand den ganzen Morgen schon. Aber wie soll ich ihr das rüberreichen? Über, oder zwischen die Bildschirme? Wut steigt in mir auf, meine Hand zittert. Ich reiche die Karte umständlich über und dann zwischen die Bildschirme durch und denke, ob sie es merkt? Ach bitte ihre Überweisung noch. Auch die bekommt sie. Am Liebsten hätte ich sie zerrissen,vor ihren Augen, sie bittet mich wieder Platz zu nehmen. Ich frage, wo ich hin soll. Ja, ja im Flur, da wo Sie eben waren. Ich gehe zurück und setze mich so, dass ich nach Möglichkeit alles im Blick habe. Das Licht im Flur vor mir geht an und aus, Bewegungsmelder. Wehnigstens ist es warm hier. Eine Frau Kommt, sieht mich an und stellt sich vor. Vielleicht eine Psychologin aus der Ukraine? Der Akzent spricht dafür. Sie bittet mich in das Behandlungszimmer und meint, ich soll Platz nehmen und erzählen, um was es geht. Ich spüre Wut, unendliche Wut auf die Klinik, auf Alles. Ich kann nicht reden, der Halz zugeschnürt, trotz der Wut, die tief in mir sitzt. Ich bemühe mich, die Schultern bewusst nach Oben zu halten. Die Kraft fehlt. Und ich sage ihr, dass ich meinen Mann verloren habe. Er ist freiwillig gegangen. Sie Atmet, ich auch. Das ist schwer, sagt sie. Ich weiß, denke ich. Das Gespräch verläuft stockend, sie spürt meine Wut, ich versuche in Bezug auf die Klinik zurückhaltend zu sein, weil ich weiß, dass jedes Wort, welches ich hier verwende auch weiter gegeben werden könnte. und ich beobachte sie. Versuche zwischen den Gesten und Blicken etwas, für mich Brauchbares zu erhaschen. Etwas Echtes. und dann kommt es. Sie erzählt, dass sie ihn kennt. Meinen Mann. Und erzählt von ihm. Ihr Gesicht ist erhellt. Plötzlich. Als hätte dort jemand das Licht angemacht. Ich fühle mich beser und einen Augenblick scheint es einen Rollentausch zu geben. Sie erzählt davon, dass er mich als sein Licht gesehen hatte. Sein Frauchen. Es fühlt sich echt an, als wäre ER im Raum. Ich spüre sein Lächeln, sein Frieden. Den Frieden und das Glück mit mir. Das Gespräch endet mit ein paar, für mich belanglosen Fragen. Ob ich mir was antun würde, Suizidgedanken hätte. Ich denke, was redet sie? Ich bitte um das Ende vom Gespräch und sie begleitet mich heraus bis zum Büro, dessen Tür immernoch offen steht. Die Frau, die hinter ihren schwarzen Monitoren sitzt, bekommt plötzlich ein Gesicht. Schaut mir in die Augen und gibt mir, mit einem freundlichen Lächeln den nächsten Termin. Ich finde erst den Ausgang nicht, bin völlig überwältigt. Dann die Treppe runter, raus, raus an die frische Luft. Sie ist kalt, das ist es, was ich gerade brauche. um mich zu spüren. Meine Seele, mein Inneres. Ich sitze im Auto und warte noch eine Weile, bis ich los fahren kann. Ach der Seitenspiegel ist nur angeklebt und zittert beim Fahren. Ich sollte das reparieren lassen. Nur nicht jetzt. Jetzt fahre ich nach Hause. Mein Magen knurrt. Ich habe seit Tagen nicht richtig gegessen. 


© Susann Krumpen

Sonntag, 12. Juli 2026

Zwölfeinhalb Minuten

Samstag. Ich fahre in die Klinik, um ihn abzuholen. eigentlich freue ich mich schon auf ihn. Endlich! Endlich wieder seine Stimme hören, endlich wieder ihn spüren und nicht das leere Bett neben mir. Es tut so gut, ihn endlich wieder bei mir zu haben! Ich komme in der Klinik an, das Personal freundlich und dann sehe ich ihn! Er scheint sich zu freuen, ich spreche ihn an. Hey, da isser ja wieder. Ein Lächeln in seinen Augen die ganze Welt dreht sich um uns. Es gibt nichts mehr, was mich hier hält. Ich nehme seine Tasche. Hand in Hand gehen wir zum Auto. Und dann los. Nach Hause. Zu Hause angekommen erst mal Kaffee. Ich freue mich total, wie er in alter gewohnter Art und Weise den Kaffee macht und es scheint, als wäre er gar nicht weg gewesen. Ich fühle mich so gut. Schweigend sitzen wir auf der Terasse und trinken Kaffee, essen ein paar Plätzchen und die Sonne scheint, Gräser wiegen sich im Wind. Ich will die Sachen auspacken aber er sagt: Ach Frauchen, dafür ist morgen doch auch noch Zeit" Ich gebe nach, weil ich spüre, dass er Recht hat. Heute gemeinsam kuscheln, sich spüren. Einfach bei ihm liegen. Das ist das größte Geschenk, was er mir heute macht! Sonntag stehe ich auf, er schläft noch. Leise schleiche ich mich aus dem gemeinsamen Schlafzimmer, auch mit dem Gedanken, ihn bloß nicht aufzuwecken. Er braucht seinen Schlaf nach der langen Zeit in der Klinik in einem Zweibettzimmer. Schnarchen ist dort an der Tagesordnung. An Schlaf kaum zu denken. Später sitzen wir wieder auf der Terasse, Frühstück mit Brötchen, Toast, Kaffe und ein Frühstücksei. Es ist schön mit ihm. ich genieße die Momente. Der Tag ruhig, er sucht nach Aufgaben. Ich gebe ihm ein paar Walnüsse zum Knacken, später spielen wir "Stadt, Land, Fluss" und er gewinnt haushoch, immer. Ich ärgere mich etwas darüber, er scheint sich zu amüsieren. Am Abend sage ich ihm, dass ich zu meiner Nachbarin gehe, kurz die Katze füttern, weil die im Urlaub sind. Er nickt und sagt, das wir gleich Abendbrot essen wollen. Ich ziehe los. Der Weg ist nicht weit, gleich das nächste Haus. Die Katze empfängt mich schon, ich gebe ihr Milch und Futter, gieße noch die paar Tomaten und freue mich schon auf das gemeinsame Abendbrot. Ich komme zurück, Stille. Eigenartig, denke ich, wo ist er hin? Komme zur Terasse und sehe ihn am Boden liegen. "Oh, denke ich, vom Stuhl gefallen" . Ich stutze ein paar Millisekunden, dann geht alles ganz schnell. Der Strick um den Hals! ich stürze zu ihm, versuche das krampfhaft zu lösen, bekomme den Strick ab und registriere, dass er nicht mehr atmet, kein Herzschlag, nichts. Mein Herz schlägt schnell, in meinem Kopf hämmert es. Nein! Das darf nicht sein! Ich versuche, rufe ihn an, sein Gesicht blau, er ist noch warm, ohne ein Lebenszeichen. Ich springe auf, greife zum Telefon, rufe den Notdienst, renne zur Nachbarin oberhalb und drücke auf die Klingel. Ich bekomme kaum Luft, kann nicht richtig sprechen, sie reagieren sofort und kommen mit runter gerannt. Der Krankenwagen ist zu sehen. Alles in den paar Minuten. Ich muss atmen, sie übernehmen und es wird fest gestellt, das nichts mehr zu machen ist. In mir hämmert es. Ich war ganze 12 einhalb Minuten weg. In der Zeit. Tränen, Luft holen, alles zugleich. Irgendwoher höre ich den Rettungsarzt, den Pastor, das Bestattungshaus aus der Gegend. Ich höre das Wort Adrenalin, können nichts mehr tun. Wort- und Gedankenfetzen ziehen an mir vorbei. Ich bekomme nicht mehr alles mit. 


© Susann Krumpen

Samstag, 2. Mai 2026

Depressionen ist ein Arsch - der Weg

Natürlich ist es nicht einfach, mit einem Menschen umzugehen, ohne ihn zu überfordern. Zumal er ja in der Klinik ist und lange Weile schiebt, mit sich nichts anzufangen weiß. Leerlauf. Ich kann nur sagen, der Tage hat es auch die gewohnte Leichtigkeit von mir genommen und so sehr ich auch daran ziehe, um sie wiederzuerlangen, destso mehr habe ich das Gefühl, es nicht zu schaffen. Er hat mir einen Brief geschrieben, dass ich seine beste Frau aller Zeiten wäre. Ach menno, er hat ja nur die Eine! und das bin ich! Und da bin ich auch ziemlich stolz drauf. Sie als Leser werden fragen, wie man denn stolz auf seine Beziehung sein kann? Die Antwort ist tiefgründiger, als manch einer denken mag. Wirklich. Die meisten Menschen haben das nicht, oder spüren da etwas anderes. Es ist wesentlich mehr als Ehe und Verbundenheit. Vielleicht eine Seelenverwandschaft. So könnte man es ausdrücken. Ein Schiff, welches auch in tiefen Gewässern noch immer die Segel setzt, nicht um aus dem Sturm so schnell wie möglich heraus zu kommen, sondern um den Wind zu nutzen. Und dann denke ich auch nicht an sein sonntägliches MF, an seine angeblichen Unzulänglichkeiten, die mich sonst immer mal gestört haben. Nein, ich denke nur an ihn. Wie ich ihm begegne, was wir gemeinsam tun und wie wir miteinander umgehen. Das, so finde ich, kann Liebe sein. Echte Liebe. 


© Susann Krumpen

Freitag, 1. Mai 2026

Depressionen ist ein Arsch Teil 1

 Gestern wollte ich ihn besuchen.Meinen Mann. Seit einer Woche ist er in der Psychiatrie, geschlossene Abteilung. Er blieb im Bett, wir sahen uns nicht. Ich durfte nicht zu ihm. Hilflosigkeit. Auf der Fahrt nach Hause dachte ich an die Momente, die wir miteinander geteilt haben. Früher. Depression ist ein Arsch. Wie alles begann: 

Noch Lippenstift und Rouge. Ich möchte gut aussehen. Auch für ihn. Die Fahrt ist lang und mein Herz schlägt vor Aufregung. Endlich angekommen, ein paar Schritte bis zur Glastür. Ich schaue mich um, er ist nirgens zu sehen. Ich drücke auf die Klingel. Es wird aufgemacht Eine freundliche Mitarbeiterin lächelt mich an und verspricht, ihm Bescheid zu geben, zu sagen, dass ich hier an der Tür auf ihn warte. Sie kommt zurück. Allein. Sagt, dass ER nicht kommt. In meinem Kopf hämmert es, mein Herz stolpert, ich ringe nach Luft. Ich bitte noch einmal, ihn zumindest sehen zu dürfen, möchte an der Zimmertür stehen und ihm wenigstes zuwinken, damit er wieder neuen Mut schöpfen kann. Fehlanzeige, keine Chance. Ich werde nicht hereingelassen, aus Rücksicht auf die Mitpatienten. Ich nicke mit dem Kopf, mein Verstand weiß, dass es so ist aber ich muss gehen. Tränen rinnen über mein Gesicht. Ich laufe bis zur Ausgangstür, die sich selbstständig öffnet und hinter mir automatisch schließt. So sehr ich versuche, mich zusammen zu nehmen, es gelingt mir nicht. Schweigend sitze ich im Auto, Tränen rinnen über mein Geschicht, verzweifelt suche ich nach einem Taschentuch, ich nehme die untere Kante von meiner Bluse, um mir die Tränen aus dem Gesicht zu wischen, egal, denke ich. Ich hole ein paar Mal tief Luft und fahre endlich los. Wie lange ich im Auto gesessen habe weiß ich nicht, es war mir egal. Eine Stunde Fahrt. Unterwegs gehen mir verschiedene Szenen durch den Kopf, Dinge, die wir zusammen getan und erlebt haben. 21 Jahre kennen wir uns. Höhen und Tiefen. Und doch bin ich irgendwie erleichtert, als ich zuhause ankomme. Ich höre seine Nachricht auf meinem Handy ab: " Frauchen, es tut mir leid, ich liebe dich!" Tränen. 

Heute, wo ich das Geschehene aufschreibe, um anderen Menschen zu zeigen, dass Depressionen nicht einfach zu händeln sind und ein Besuch in einer psychiatrischen Klinik eine echte Herausforderung sein kann, geht es mir schon etwas besser. Ich habe angefangen, zuhause auszumisten, aufzuräumen und die Wohnung, ja was sage ich, das ganze Haus zu putzen.Und auch wenn es ein langer Weg sein wird, bis wir uns wiedersehen können, bis er entlassen wird, so hat mir der gemeinsame Weg etwas Mut und Kraft geben können. Heute will ich wieder hin fahren, ihn besuchen. Ich kann es kaum erwarten...


© Susann Krumpen

Freitag, 17. April 2026

Mein Sohn und sein Quasselwasser

Eigentlich rede ich gerne mit meinem Sohn. Er ist derzeit 40 Jahre und kümmert sich um zwei Kinder aus einer Beziehung, die heute keine Beziehung mehr ist . Er hängt an ihnen, sie nennen ihn Papa. Soweit ist auch alles in Ordnung. Heute ist wieder so ein Moment, wo er anruft und von einem Thema zum anderen kommt, ohne, dass ich überhaupt eine echte Chance zu haben, irgendwas dazu sagen zu können. Er redet über Grundeinkommen, Politik, Kindererziehung, von den zwei Kindern, wovon ihm keins gehört, er sich aber kümmern möchte. Kommt mit Gesetzten, Straftaten, angeblicher Tatsachen, Mieterhöhung und der momentanen Ausgangslage der Preiserhöhung der Lebensmittel, was gut oder schlecht für den menschlichen Körper wäre und er für heute Abend vorkocht, Lauch, Eier und sonstiges Gemüse, er redet über den Bundestag nebst der Unfähigkeit unserer Minister, über die Energiekrise, Kartellamt, Verfassungsschutz. Er hat Fragen über Fragen, die ich ihm nicht beantworten kann oder möchte. Eigentlich wollte ich nur einen ruhigen, gemütlichen Morgen verbringen und mit meinem Kaffee in der Sonne sitzen, Fehlanzeige. Er redet weiter über Corona und deren Folgeerkrankungen. Dann wieder Kindererziehung, Straftaten, Missbrauch, Körperverletzung, den öffentlichen Verkehrsmitteln, Rassismus und angeblicher Menschlichkeit. Ich komme kaum oder nicht zu Wort, immer mal ein Hmm, oder Ja. Dann schwenkt er um zum Nürnberger Prozess, wieder Rassismus. Ehrenamt und deren Folgen. Mir schwirrt der Kopf. Input, den ich eigentlich nicht brauche. Das Meiste verstehe ich nicht. Er schwenkt von einem Land zum anderen, versucht die Missverständnisse aufzudecken und meint früher wäre alles besser gewesen. Er redet über Journalismus, Gesetze, Afghanistan und Krieg. Ich komme nicht mehr mit, das Telefon knattert. Ich muss aufpassen, wenn er eine Frage stellt, dass ich nicht den Anschluss verpasse. Anstrengend. Wieder ein hmm... und wieder Hmm... Plötzlich lacht er.. Oh, was war der Wortlaut??? Ich ertappe mich, nicht mehr richtig zuzuhören, bin erschöpft und das am frühen Morgen. Der Leser wird sich fragen, warum das Ganze? Ich liebe meinen Sohn und ich glaube, dass er niemanden hat, mit dem er reden könnte. Das Schlussthema ist die Ulsenbande, ein Schmunzeln huscht über mein Gesicht, ich habe die Serien und Filme gerne gesehen...Am Ende frage ich mich, ob das noch eine echte Unterhaltung ist, die Antwort ist eindeutig..


© Susann Krumpen

Donnerstag, 16. April 2026

Liebe in den Taschen - Tränen im Gesicht Teil 7

Wieder einmal so ein Tag! Gerade kommen wir vom Hausarzt zurück, da beginnt er, seine Taschen zu packen. Mit leiser Stimme erklärt ER, was noch zu tun ist. Als wenn die Welt morgen unterginge. Ich habe es schon einmal geschafft, warum sollte ich es nicht nochmals schaffen? Voriges Jahr hatte ich mir mein Handgelenk gebrochen und musste operiert werden. Ausgerechtet rechts. Kein autofahren, kein Kartoffelschälen, kein Po abwischen. Jedenfalls alles mit Links. Mir schwahnt, das daher ein viel benutzes Sprichwort kommt. Jetzt aber zur Realität: Wir sind wieder zuhause, nach fast 2 Stunden im Wartezimmer und eine Einweisung später. Notfall ist angekreutz. Notfall. Ich lese nochmal. Depression ist ein Arschloch, denke ich.Wieder kein Mittagessen. Im Topf kochen 2 Kartoffeln und einige Gemüsemaultaschen. Viel isst er ja nicht mehr. Schon seit Jahren kenne ich meinen Mann als Wenigesser, immer sehr genügsam, immer auch bescheiden. Nie im Vordergrund, er larviert sich durch. Auch dieses Mal dachte er, er würde es schaffen. Fehlanzeige. Nächtliches Schwitzen, Herzrasen, kleine Schritte und leise Stimme. Ich nehme ihn fast nicht mehr wahr. Früher hatte er immer MF (Mundfaulheit) heute würde ich mich freuen, wenn er ein paar Worte reden würde. So ändern sich die Prioritäten. 


© Susann Krumpen