Meine erste Therapiestunde bei einer Therapeutin, die Jupp und ich schon von früher kannten. Damals waren wir zur Paartherapie, weil ich in der Annahme war, dass bei uns "nichts mehr läuft" Es ist ja nicht so, dass mein halbes Leben auf Sexualität ausgerichtet ist, aber dennoch, ein Mal in der Woche wird doch noch drin sein, oder? Na jedenfalls sind wir dahin. Jeder mit seinem Gedanken. In der Therapiestunde erfuhr ich seine Motivation, überhaupt mitzukommen. Was mich eigentlich ein wenig gewundert hatte. ER dachte, ich bekomme von der Therapeutn gesagt, dass ich Rücksicht nehmen soll, auf sein Alter, mehr Geduld mit ihm haben müsste. ICH hingegen beklagte den fehlenden Sex. Nur Kuscheln war mir schlichtweg zu wehnig. Na und es kam ganz anders. Die Therapeutin, obwohl um Einiges älter, hat meinem Mann gesagt, dass er endlich einmal mehr Verantwortung in unserer Partnerschaft übernehmen soll. Das saß. Gewaltig. Ein breites Grinsen machte sich in mir breit und blieb bis heute, nachdem er nicht mehr hier ist. Allein seine Seele spüre ich manches Mal ganz nah bei mir und das gibt mir überhaupt die Kraft, hier weiterzumachen. Ich komme bei der besagten Therapeutin an, die nun noch älter geworden ist, ich bin nicht sicher, aber um die 90 ist sie bestimmt. Und sie empfängt mich mit einem zielgerichteten Lächeln. "Hallo, nehmen Sie Platz bitte". Alte Schule, die mir gerade jetzt besonders gut tut. Ich fange an, zu erzählen, bin froh in ihrer Nähe sein zu dürfen und wir reden über dies und das. Mitten drin der eine Satzvon ihr "Frau Krumpen, verstehen Sie, er hat seine Kraft, seine Ressourcen aufgebraucht. Schlichtweg verbraucht. Da gab es nichts mehr, was er ihnen und sich selbst bieten konnte und das hat er gemerkt" "Nichts ist von ihm übrig geblieben, er hat sich falsch eingeteilt" Ich wusste, dass sie mir das in dieser, oder ähnlicher Form sagen würde, konnte nur nicken, wieder Tränen...
© Susann Krumpen