Samstag. Ich fahre in die Klinik, um ihn abzuholen. eigentlich freue ich mich schon auf ihn. Endlich! Endlich wieder seine Stimme hören, endlich wieder ihn spüren und nicht das leere Bett neben mir. Es tut so gut, ihn endlich wieder bei mir zu haben! Ich komme in der Klinik an, das Personal freundlich und dann sehe ich ihn! Er scheint sich zu freuen, ich spreche ihn an. Hey, da isser ja wieder. Ein Lächeln in seinen Augen die ganze Welt dreht sich um uns. Es gibt nichts mehr, was mich hier hält. Ich nehme seine Tasche. Hand in Hand gehen wir zum Auto. Und dann los. Nach Hause. Zu Hause angekommen erst mal Kaffee. Ich freue mich total, wie er in alter gewohnter Art und Weise den Kaffee macht und es scheint, als wäre er gar nicht weg gewesen. Ich fühle mich so gut. Schweigend sitzen wir auf der Terasse und trinken Kaffee, essen ein paar Plätzchen und die Sonne scheint, Gräser wiegen sich im Wind. Ich will die Sachen auspacken aber er sagt: Ach Frauchen, dafür ist morgen doch auch noch Zeit" Ich gebe nach, weil ich spüre, dass er Recht hat. Heute gemeinsam kuscheln, sich spüren. Einfach bei ihm liegen. Das ist das größte Geschenk, was er mir heute macht! Sonntag stehe ich auf, er schläft noch. Leise schleiche ich mich aus dem gemeinsamen Schlafzimmer, auch mit dem Gedanken, ihn bloß nicht aufzuwecken. Er braucht seinen Schlaf nach der langen Zeit in der Klinik in einem Zweibettzimmer. Schnarchen ist dort an der Tagesordnung. An Schlaf kaum zu denken. Später sitzen wir wieder auf der Terasse, Frühstück mit Brötchen, Toast, Kaffe und ein Frühstücksei. Es ist schön mit ihm. ich genieße die Momente. Der Tag ruhig, er sucht nach Aufgaben. Ich gebe ihm ein paar Walnüsse zum Knacken, später spielen wir "Stadt, Land, Fluss" und er gewinnt haushoch, immer. Ich ärgere mich etwas darüber, er scheint sich zu amüsieren. Am Abend sage ich ihm, dass ich zu meiner Nachbarin gehe, kurz die Katze füttern, weil die im Urlaub sind. Er nickt und sagt, das wir gleich Abendbrot essen wollen. Ich ziehe los. Der Weg ist nicht weit, gleich das nächste Haus. Die Katze empfängt mich schon, ich gebe ihr Milch und Futter, gieße noch die paar Tomaten und freue mich schon auf das gemeinsame Abendbrot. Ich komme zurück, Stille. Eigenartig, denke ich, wo ist er hin? Komme zur Terasse und sehe ihn am Boden liegen. "Oh, denke ich, vom Stuhl gefallen" . Ich stutze ein paar Millisekunden, dann geht alles ganz schnell. Der Strick um den Hals! ich stürze zu ihm, versuche das krampfhaft zu lösen, bekomme den Strick ab und registriere, dass er nicht mehr atmet, kein Herzschlag, nichts. Mein Herz schlägt schnell, in meinem Kopf hämmert es. Nein! Das darf nicht sein! Ich versuche, rufe ihn an, sein Gesicht blau, er ist noch warm, ohne ein Lebenszeichen. Ich springe auf, greife zum Telefon, rufe den Notdienst, renne zur Nachbarin oberhalb und drücke auf die Klingel. Ich bekomme kaum Luft, kann nicht richtig sprechen, sie reagieren sofort und kommen mit runter gerannt. Der Krankenwagen ist zu sehen. Alles in den paar Minuten. Ich muss atmen, sie übernehmen und es wird fest gestellt, das nichts mehr zu machen ist. In mir hämmert es. Ich war ganze 12 einhalb Minuten weg. In der Zeit. Tränen, Luft holen, alles zugleich. Irgendwoher höre ich den Rettungsarzt, den Pastor, das Bestattungshaus aus der Gegend. Ich höre das Wort Adrenalin, können nichts mehr tun. Wort- und Gedankenfetzen ziehen an mir vorbei. Ich bekomme nicht mehr alles mit.