Gerstern haben wir die Kirche geschmückt. Die Küsterin und ich - zu Zweit. Allerlei Gemüse, Früchte und Blumen. Jede Menge Blumen. Sie sind wichtig. Ich habe in der Vergangenheit kaum Blumen von Jupp bekommen. Auch jetzt, wo er nicht mehr da ist, schenke ich mir die Blumen selbst. Welche, die mir auch gefallen. Ich denke lange an den Kennlernstrauß. Es sollte wohl was Besonderes sein. Astern und Rosen waren darin enthalten, allesamt blau eingefärbt. Der hässlichste Strauß meines Lebens! Ich werde das nie vergessen und die Erinnerung daran lässt ein Lächeln auf meinem Gesicht zurück. Der Strauß war bei dem ersten Treffen hinter seinem Rücken versteckt und schien größer, wie der Mann selbst. Ich erinnere mich sehr gerne an diesen Moment und werde auch sein breites Lächeln nie vergessen, als wir uns das erste Mal sahen. Auf den Kirchenbänken wenig Leute. Der Altersdurchschnitt vielleicht 60 Jahre. Erntedank. Die Rede von der Pastorin konservativ gehalten, bei den Liedern habe ich nicht mitsingen wollen. Schön ist es, auch einmal besungen zu werden. Der Gottesdienst ging an mir vorbei, als hätte ich ihn fast nicht erlebt. Ich sitze alleine auf der Bank, ganz weit zum Gang hin, so dass ich den Altar und die Zeremonie gut verfolgen kann. Immer wieder schweift mein Blick in die Obere Etage zu den Fenstern, wo das Sonnenlicht reinfällt. Tröstlich. Ich mag die Natur. Nach dem Gottesdienst gibt es Kaffee, belegte Brote und auch Kuchen. Das ist sehr gut, obwohl ich heute Morgen gut gefrühstückt habe, greife ich beherzt zu. Der Kaffee schmeckt. Die belegten Brote und der Kuchen sind ziemlich trocken, der Belag aber frisch und schmackhaft. Mit meinem Teller und dem Kaffee flüchte ich vor der Menschenmenge wieder zurück in meine Kirchenbank. Allein. Bei jeder Gelegenheit spüre ich die Tränen in mir aufsteigen. Ich bin fassungslos. Gedanken gehen mir durch den Kopf, sie drehen sich allesamt um die Frage, warum Jupp sich umbringen konnte und ob er es wirklich allein getan hat? Ich war überzeugt davon, dass ER ein echter Hasenfuß gewesen ist. Verfolgt von Angst und Panik. Am Meisten hatte er Angst vor Schmerzen. Sollte ER wirklich soviel Mut gehabt haben, diesen Weg zu wählen? Wieder Tränen. Draußen scheint die Sonne. Seit Wochen haben wir keinen Regen. In allen Gärten und auf den Feldern ist es staubtrocken. Umso erstaunlicher ist es, so viel Gemüse und Obst für das Erntedankfest hier zu haben. Es ist ein tröstlicher Moment, der mir sagt, dass es immer weiter zu gehen scheint.
© Susann Krumpen
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