Bis eben wusste ich noch, was ich schreiben wollte. Eigentlich. Den Haustürschlüssel habe ich bei der Nachbarin abgegeben. Ich fahre morgen zur Urnenbeisetzung. Und übernachte bei meiner Mutter. Bis Montag früh, wenn es gut läuft, bis Sonntag Abend, wenn nicht. In einer Stunde etwa soll ich meinen Sohn vom Bahnhof abholen. Ein wenig Schiss habe ich davor, eigentlich nur deshalb, weil ich ihn als absoluten Narzissten wahrnehme. Obwohl sich sein Verhalten, gemessen an den Jahren zuvor schon enorm verbessert zu haben schien. Vor Jahren nahm ich mir immer eine Unterkunft, um ihn zu besuchen, da schafften wir es nur punktuell (zu einem gemeinsamen Essen in einem Caffee oder Ähnlichem) zusammenzukommen. Heute geht es auch mal am Stück. Aber nicht mehr wie 2 Tage, dann läuft bei Ihm alles auf Hochtouren und das Fass über. Er braucht ein Ventil, um weiter zu funtionieren. Bei mir hat er das nicht, deshalb der Angriff vor ein paar Tagen, ich sehe das in der Zwischenzeit reflektierter. Es hatte nichts mit der derzeitigen Situation, oder nur punktuell was mit mir zu tun. Überforderung und alte Wunden, die jeder von uns hat. Aber zurück zum Geschehen. Zum Mittag bringe ich das übriggebliebene Fleisch und die Würstchen zur Feuerwehr. Ich benötige das nicht, möchte es auch in keiner Weise vergütet haben. Denn hier geht es Hand in Hand. Ich werde das Gefühl nicht los, dass genau die Leute etwas für einen tun, die sowieso schon genug mit sich zu tun haben, mit sich herumtragen. Irmgard hatte mir gestern Goulasch gebracht, damit ich heute etwas zum Mittag habe. Das kommt mir sehr entgegen. Irgendwie. Obwohl ich mir gestern Fisch gekauft hatte, freue ich mich schon! Karen bin ich gestern noch mit dem Auto begegnet. Sie backt für morgen die Plätzchen, ich finde das total nett und überhaupt nicht übergriffig. So muss ich mir keine Gedanken um so etwas machen. Getränke habe ich noch, die ich für morgen verwenden könnte. Ich denke darüber nach, ein paar Worte auf der Urnenbeisetzung zu sprechen. Was soll der Inhalt sein? Organisatorisches, oder doch mehr? Es wird mir einfallen. Dann hatte ich den Versicherungsfritzen gefragt, ein langjähriger Freund von Jupp, ob er nicht zu dem ehemaligen Freund von Jupp, also Sven eine Verbindung herstellen könnte. ER scheint der Einzige zu sein, der Kontakt zu ihm hatte. Immerhin wusste er, dass Sven in Europa mit dem Fahrrad unterwegs sei und sie im Sommer noch telefoniert hatten. Vor ein paar Tagen hat der Versicherungsfritze behauptet, dass Sven sein Handy nicht abgenommen hätte. Ich bat darum, eine SMS zu senden, er antwortete, ich habe bis Samstag zu tun, ich kann nicht helfen. Oh mann, ich war so nah dran! Wo ist die Menschlichkeit nur geblieben? Ich nehme es gelassen und frage gar nicht mehr, wünsche ihm eine schöne Zeit. Ich fange an, los zu lassen, nicht mehr hinterher zu laufen, auch wenn sich das eben Geschriebene für den Leser anders anfühlt. Jede Veränderung braucht seine Zeit. Ich habe hinter die Fassade geblickt, zwischen den Zeilen gelesen. Vielleicht bricht irgendwann der Stolz ab, fällt die Krone, stürzt der Thron, auf dem manche Menschen sitzen. Ich bin sicher, dass es so sein wird. Meine Mutter kommt nun doch nicht zur Urnenbeisetzung. Sie kann nicht. Erst hat sie so ein Trara daraus gemacht und nun? Ja. Ich bin auch hier nicht erstaunt, oder gerührt. Ich empfinde nur Mitgefühl und erzähle ihr, dass es absolut nicht schlimm ist, wenn sie zuhause trauert. Ich weiß, dass sie IHN, meinen Mann heimlich geliebt hat. Sie ahnt nicht, dass ich es weiß. Und damit sie sich nicht verrät, bleibt sie zuhause, bei ihrem Schmerz, ihrer Trauer. Immerhin habe ich jetzt das Papierschiffchen, welche Jupp immer aus den übriggebliebenen Bonbonpapieren gebastelt hatte für sie und eine kleine Miniurne, die sie sich hinstellen kann und wo sie einen Ort zum Trauern findet. Ich bin nicht wütend, ich habe Mitgefühl, endloses Mitgefühl...
© Susann Krumpen
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